Mondknoten (Teil1), Buch Wandelwelten
Wo die Erde sich verstanden fühlt.
Die alte Bibliothek noch steht.
Auszug aus Mondknoten. Was der im Hinblick auf Wasser draufhat! Würde mir als Flussgeist nie einfallen! – Nun, das liegt wohl mehr daran, dass für mich Wasser mit Leben gleichzusetzen ist. Und damit – dem lebendigen Leben – geht man behutsam und liebevoll um – soweit es der jeweilige Moment zulässt – und macht daraus nicht bewusstes Teufelswerk, wie der Namenlose es sich angeeignet hat … Himmel! Der bereitet mir – einem Wasserwesen – mithilfe von Wasser einen Vorgeschmack auf das Fegefeuer (wie Treverer es ausdrücken. Bei uns heißt es schlicht Flammenmeer) … los geht’s mit diesem Höllengruß im nordwestlich gelegenen Tal bei einem Dorf, das die Treverer Glashütte nennen, wie ich zwischenzeitlich recherchiert habe … der Laufbach wird unser Einstieg ins Nass und bislang sieht alles nach meiner Überlegenheit aus … das Mistvieh ist trickreich geworden … es blendet mich, den arroganten Ursprünglichen, der sich als etwas Besseres definiert. Somit geschieht mir das ganz recht. Keiner auf Mutter Erde darf sich höherstellen als andere. Eine Lektion, die ich für meinen Teil neu gelernt habe. Wenn man bedenkt, wie viele Jahrmillionen ich bereits existiere, kann man kaum einem anderen einen Vorwurf machen, wenn Ersie in der wenigen Jahre Zeit, die Ersie dazu erhält, so schnell nicht kapiert … als Kind der Erde wirst du anfangs schier auf Händen getragen und plötzlich, nur weil du größer wurdest, sollst du verstehen, dass du trotz allem nur gewöhnlich bist? Einer von vielen? Das ist schwer. Jedenfalls schwimmt er immer schneller, als wir uns dem großen Nass nähern, nach welchem die Ebene benannt ist. Rhein|Llhu. Ein prachtvolles Gewässer mit viel Charakter und Charme. Wäre das gesamte Unterfangen nicht in gar so ein Fiasko ausgelaufen, hätte ich meinen Brüdern und Schwestern am Schattenmeer nur so von ihm vorgeschwärmt. So vermeide ich das Thema beflissentlich, denn auch Flussgeister vernehmen Nachrichten … nicht jetzt, dass manche von uns Fernsehgeräte besitzen oder Radio hören würden! – Nein. Aber was an den großen und kleineren Wässern der Welt geschieht, wird auch in unserer Welt erzählt … doch die Nachrichten aus dem westlichen Veraij schienen für die Bewohner der Schattenmeerküste nicht gar so brisant, nach dem, was anderen Orts alles an Grässlichkeiten nahezu zeitgleich passierte … mich vor den Freunden zuhause hernach erklären zu müssen, schien mir übelst genug. – Von den Verwandten auch noch runtergemacht zu werden, hätte ich gerade eben nicht gut weggesteckt … Ich reagiere also in keiner Weise besorgt. Bin felsenfest davon überzeugt, alles im Griff zu haben. Wie könnte mir, einer wie er, davonschwimmen? Ich bin das Wasser selbst! Also, was soll der Schmarrn? Aber es ist nicht als Witz angedacht, was er betreibt. Denn er spürt die Nähe der großen Wassermassen und tastet schon jetzt ihre Gewichtigkeit, ihre mögliche Schwerkraft ab. Damit weiß er was anzufangen. – Sogar sagenhaft viel. Dieses Ding mit dem Zusammenziehen und Formverändern kenne ich schon zu gut und viel zu lange, um mir dazu noch irgendwelche Gedanken zu machen. Ich denke nur, doof wie ich bin, er ist halt nun mal ein Unruhegeist, kann einfach nicht stillhalten, zappelt wie ein unruhiges Kind dauernd herum. Derweil sammelt er Substanzen vom Flussboden und der Uferzone ein – Steine – Schlick – Fische – Holz – einfach alles, was er zu greifen bekommt, was ich in meiner Arroganz gar nicht bemerke … indessen ich ihm also immer selbstherrlicher werdend hinterher schwimme und er sichtbar vor mir hektisch flieht, erholt sich der Knilch von seinem Schrecken, mich im Nacken sitzen zu haben und denkt sich wohl den Teil, den ich jetzt mit ihm vorhaben könnte. Und modifiziert kurzerhand meinen Plan zu seinem eigenen um. Ein Upgrade, das es in sich hat. Das meinen Ursprungsplan vollkommen entwertet und zur Sandburg denunziert, während seine Geschütze ab da mit explosiver Ladung bestückt sind. Solcherart, wie ich sie mir in dem Moment nicht mal ausgedacht haben könnte … okay, auch Flussgeister betreiben mit Wasser mal ordentlichen Unfug. Muss ja auch mal sein. Die Treverer drumherum müssen schließlich begreifen, dass es noch immer Unbeherrschbares, Unbezwingbares, das große Unbekannte in der Welt gibt. Nur so kann man ihnen Einhalt gebieten. Indem man ihren Respekt für sich einfordert.
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