
Jörmungandrs Schatten, Buch Wandelwelten
In Erinnerung einer dunklen Zeit.
Als das Licht wieder anfing, hell zu leuchten.
Auszug aus Jörmungandrs Schatten. (Aldebaran erzählt) „Du hast von allen deinen Männern zuvor geträumt?“ – „Nicht so, wie du jetzt denkst. Ich habe sie rein als meine Gefolgsleute bei mir gesehen. Als meine treuen Anhänger. Nichts mehr als das …“ – Jamal schaut mich mit großen Augen an. Noch kurz davor war deutliche Eifersucht zu erkennen. Von ihm hatte ich nicht geträumt, nur seine Stimme in Tanger gehört und gewusst, dass ich ihn finden muss. Das war im letzten Jahr im Mai geschehen. Seitdem hatte ich zahllose Reisen unternommen und Anhänger gesucht … Liebe ist ein kompliziertes Unterfangen. Insbesondere dieser Tage ein gefährliches spielt es sich gleichgeschlechtlich ab. Jamal weiß es. Dass ich, Aldebaran, ohne Mitstreiter und ausgefallene Waren, kaum bei ihnen hätte vorsprechen können. Unmöglich. Er selbst hätte mich weggejagt, mich vielleicht sogar höchstselbst köpfen lassen, weil ich so unverfroren war, ohne explizite Einladung bei ihnen aufzutauchen. Ja, er weiß es. Und doch jammert es ihn, dass er nochmals ein ganzes langes Jahr allein bleiben musste, wo endlich einer sein inneres Flehen hören konnte. Und mit dieser einjährigen Vorbereitung, ausreichend Argumente schuf, dass sein Bruder Salamah bereit ist, zuzuhören und ihn schließlich dazuruft. Und ja, es funkt auch sofort von seiner Seite. Er könnte nicht wirklich sagen, warum. Mein Gesicht trägt tiefe Narben. Verbrennungen, wie ich ihm erzähle, die sich entzündeten, übelst eiterten, bevor sie abheilten. Mein Gesicht wirkt damit schwer malträtiert, aber gleichermaßen eindrucksstark, hellwach und dynamisch und genauso willensstark wie intelligent, dass man als Verehrer von Geist und Macht, sprichwörtlich daran kleben bleiben muss. Jedenfalls geht es Jamal-al-Din so und Salamah, der um diese speziellen Gefühle seines jüngeren Bruders weiß, reagiert sofort weise und verhalten. Er ahnt bereits seit Jahren, dass einmal die Stunde kommen würde, wo er dieses Gespräch mit irgendeinem anderen Mann führen wird … El Bachir begleitet mich zu dieser Audienz, die ich mir im ersten Schritt rein über seine Präsenz erlange. Denn die Brüder kennen die Lenäeer im Wüstenterrain und schätzen sie als Handelspartner, wie auch als Kriegsherren, sehen sie als gleichgestellt.

Nur wenig vorher … „Du trägst eine interessante Gewandung …“ – Salamah betrachtet mich lange Zeit tief schweigend, bis er endlich anfängt, Fragen zu stellen … „Das sind doch Löwenkrallen an deinen Schultern? Piken die nicht? Wirkt jedenfalls so … das ist wohl der Effekt, den du erzielen möchtest? – »Mich erschrecken selbst Löwenkrallen nicht? Ich lege mir ihr Gewand um meine Schultern, nutze ihre Nase, meinen Kautabak zu verwahren, ihre Mähne, als Revers am Kragen, bietet mir einen wilden Anblick für meine Feinde.« – Die Schlangenhaut als Gürtel ist nochmals ein weiteres Indiz, das mich an einen uralten Kult erinnert, von dem ich früher gelegentlich hörte. Aber seltener doch in jüngster Zeit … was möchtest du uns damit sagen? Meinem Bruder und mir? Du sprichst zu uns beiden, ich kann es hören, wenn du auch dein Angebot tatsächlich nur an einen von uns richtest …“ – Ich warte noch immer darauf, dass er seine Wächter und Diener aus dem Zelt winkt … vielleicht würde er auch El Bachir zusammen mit seinem Bruder hinauslotsen, um ganz ungestört mit mir sprechen zu können … er wusste sofort Klartext. Als ich vor ihn trat. Welches Begehr mich wirklich zu ihm führt. Ich kann nicht sagen, was mich verriet. Wir traten vorsichtig an die Aktion heran. So wie Shadi es mir dringend anriet. Die Brüder dürften keinesfalls darum ahnen, welche konkreten Handelsgüter wir bei uns führen. Sonst könnten sie zu leicht auf den Gedanken kommen, sie gratis erwerben zu wollen. Kämpfe zwischen uns, könnten mich nur schwerlich in ein freundlicheres Gespräch überleiten lassen. – Eigentlich doch spricht er es mir direkt zu. Direkt in meine Augen … „Du forderst meinen Bruder von mir ein … und was bietest du mir dafür im Gegenzug? Welche Sicherheiten? – Mit welchen besonderen Kräutern handelt ihr? Ich habe viel darüber munkeln gehört. Von euren Pasten, Tees und Würzmischungen. Sie sollen gar mystische Heilkraft besitzen? Andere wiederum dich stärken helfen? Oder mutiger machen und nochmals andere, sogar Zauberkraft auf ihre Nutznießer ausschütten können, stopft man seine Wasserpfeife damit, kaut sie wie Kautabak oder schnüffelt an ihnen, wie an feinsten Düften, leckt sie mit der Zungenspitze gierig auf oder atmet sie noch verwegener ein? Zieht sie sich durch seine Nase …“ – Nun, seine letzte Frage stellt er tatsächlich auch laut und ich kann sie ausschweifend beantworten.

Über ein Jahr übe ich mich bereits darin, die Melodie der Wüste in meine Worte einfließen zu lassen. Diese Mysterien, die er andeutet, wortgewandt einzuflechten. Ein klangvolles Gespräch, wie in Tausendundeiner Nacht zu intonieren. Salamahs anspruchsvolle Ohren für mich zu interessieren. Ihn glauben zu lassen, dass ich weiß, was ich da tue und auf jede Frage eine Antwort bereithalte und genauso gut weiß, was sein Begehr in welcher Sache ist, wie er um mein Begehr Kenntnis hat … er ließ uns ausspionieren. Selbstverständlich. Darum betrieben wir umfangreichen Hokuspokus mit unseren Kräutern. Lenkten ihre Blicke gewieft von unseren Stoffen ab, die ebenso mystifiziert werden könnten, wüssten sie um ihre spezifischen Details. Natürlich besonders im Hinblick unserer Waffentechnik. Er ahnt nichts. Davon bin ich nach wie vor felsenfest überzeugt. Nur El Bachir hadert in diesem Punkt. Glaubt, Salamah lenke uns lediglich ab, greife parallel unser Lager an. Nun, auch darauf sind wir vorbereitet. Sollte es denn so sein. Warum er sich also noch immerzu sorgt, bleibt mir unverständlich. Salamah könnte nichts erobern, gar unseren Frauen und Kindern, unseren Wächtern bei den Zelten, etwas anhaben. Sie selbst könnten uns nicht entkommen. Denn wir schlossen sie magisch ein. Diesen Ring durchbricht keiner so leicht. Nicht einmal die Leute aus El Bachirs Ursprungswelt. Außer, sie kennen bereits alle meine Zauber. Was ich nicht glaube … der, der mich lenkt, seit dem ersten Tag im neuen Leben, hätte mich gewarnt, wäre es so. Aber er spricht nicht zu El Bachir, weshalb sich dieser noch immer um mich sorgt.

Thema Frauen und Kinder. Mein ambitionierter Feriz zählt natürlich dazu, wie könnte es anders sein? Erwuchs zu meinem ganz besonderen Augapfel. Aber er blieb nicht der einzige Nachwuchs im neuen Leben. Derzeit zählen wir zwei Schwangere, Dahbia (»Gold«), bereits in der zweiten Runde und Fayha (»die aromatisch Duftende«), die Jüngste und meine offizielle Lieblingsfrau, mit dem ersten Sohn. Ich mag sie wirklich gerne. Was für alle Frauen gilt. Ich muss sie ja nicht selbst schwängern. Denn wir halten in unserer Mitte einen zeugungsfähigen, engagierten und hochmotivierten Deckhengst bereit. Einen Düsterwind, quicklebendig und erfolgversprechend, wie kein anderer. Wir fanden vier nette Mädchen für seinen – offiziell ja meinen – Harem. Bassima (»mit einem Lächeln«), unsere erste Mutter, lieferte bereits den zweiten properen Buben und Gadwa (»Geschenk«), die dritte Mutter, ist derzeit zwar nicht schwanger, aber sicherlich bald schon wieder. Als Mann der Wüste, der als groß und mächtig angesehen werden will, muss ich in meinem Alter schöne junge Frauen und stramme Söhne vorweisen. Mein Deckhengst ist ein Garant für gesunde, kräftige Söhne in satter Zahl, innerhalb kürzester Zeit. Mit einem halben Lebensjahr diskutieren unsere Söhne bereits mit ihren Vätern – sie sehen uns beide so an. Amaniyy (»Hoffnung«), Badr-al-Din (»Vollmond des Glaubens«) und Ajwad (»der Bessere«) gemeint. Ghali (»Geliebt«) wurde erst im März geboren und schweigt sich argumentativ noch aus, dafür quäkt er aber lautstark. Konsequent. Die drei größeren debattieren derweil mit uns über wirklich jedweden Blödsinn. Noch nicht sonderlich ausdrucksstark, aber eindruckheischend. Für jeden im Umfeld. Wirken sie doch eher wie Zwei- bis Dreijährige, denn wie hilflose Babys, was sie strenggenommen noch sein sollten. Aber an solche Regeln halten sich Lenäeer-Welpen genauso wenig, wie, dass eine Mutter neun Monate für ihre Entwicklung benötigen würde. Diese hier brauchten höchstens fünf … ich wollte nie eine farblose Welt bewohnen. Nun ist sie, trotz zwischendrin wochenlanger Monotonie der Wüstenlande, kunterbunt. Von Zauberkraft durchtränkt … das alles erzähle ich Salamah. Weniger Details um den Deckhengst, als die der Farbpracht, feinen Düfte und Aromen, die der Blumigkeit und Lebensfreude in unseren Zelten … „Wir haben uns gesucht und gefunden. Bilden zusammen eine große, starke Gemeinschaft. Keinem wird jemals gelingen, einen Keil zwischen uns zu treiben … selbst jenem nicht, der über solche klugen und trickreichen Spione wie du, edler Sayyidī, mein erhabener Sidi, verfügt … das solltest du mittlerweile doch bestätigt sehen? Die Melodie in unseren Zelten klingt und schwingt beständig mit dem Wind über Wüstensand und fruchtbarerer Steppe, über prachtvolle, immergrüne Oasen hinweg. Bis weit hinauf in die Ländereien wahrer Blumengärten und -wiesen …“ – (Salamah) „Und du willst mir tatsächlich weismachen, dass das deine Söhne sind? Solche haarige kleine Gnome, wie du sie in deinen Zelten aufziehst? – Sie sind Schwarzbären! Alle zusammen … und du kannst somit keinesfalls ihr Erzeuger sein. Du bist keiner von ihnen, wirst aber tatsächlich als Vater anerkannt. Was dich mitnichten gering auszeichnet … deutlich mehr noch, als das … ja. Ich bin tief beeindruckt und beruhigt, dass ein solch weiser Mann, wie du einer bist, meinen geliebten jüngeren Bruder für sich begehrt …“
©Xena Falkenbourg xfw fürth. Alle Rechte vorbehalten.
