
Jörmungandrs Schatten, Buch Wandelwelten
In Erinnerung einer dunklen Zeit.
Als das Licht wieder anfing, hell zu leuchten.
Auszug aus Jörmungandrs Schatten. (Aldebaran erzählt) „Was würdest jetzt du daraus machen? Wir können das genauso aufbauen, dass es Sinn ergibt. Uns gefällt. Wir uns wohlfühlen können?“ – Ich schaue meinen Wellington mit fragendem Blick von der Seite an. Konzentriere mich derweil aber doch mehr auf den Anblick vor unseren Augen. Ein Trümmerhaufen schlimmster Natur. Und solches Chaos. Die Statik dessen, wie das da übereinander gestapelt über Jahrtausende stabil bleiben konnte, ist allein schon faszinierend? Aber meine Frage passt da gar nicht dazu und darum versteht mich mein guter Hugh gerade nicht. Sieht nur einen Irren vor sich, der fiebrig glänzende Augen vorstreckt … (Wellington) „Mylord? Ich glaube, ich kann Euch nicht ganz folgen?“ – Sicherlich nichts, was ein Mylord gutheißt … „Ach, Hugh. Stell dir doch einfach mal kurz vor, du wärst ein gewiefter Architekt und ich ein großer Kaiser und du möchtest mir tolle Vorschläge unterbreiten, was ich aus meinem neu gekürten Reich nun alles formen könnte? Angefangen bei einer Fabrik? Einem Freizeitpark? Eine Festung? Einen Rückzugsort für lauschige Momente? Egal, was dir einfällt … sei spontan. Du kannst dir gerne Anregungen von sonst-woher einholen. Völlig wurscht … ich möchte es einfach nur gerne wissen. Was du aus solchem Trümmerberg machen wolltest? Wenn er jetzt dir allein gehören würde und du könntest über alle Mittel und Wege frei verfügen? Brauchtest keinerlei Grenzen beachten? Könntest einfach so wild drauflos träumen? Was würdest du dann tun?“ – „Mylord? Ihr wünscht, das hier also neu aufzubauen? Und etwas Nutzbares daraus zu formen? Seid Ihr Euch denn sicher, dass uns dieses uralte Geistergebilde auch beim nächsten Mal freundlich eintreten lässt? Dass wir nicht nur dieses eine Mal Glück hatten und im richtigen Winkel darauf stießen? Oder was auch immer? – Also ich weiß ja, dass Ihr Vreemarr betreten wollt. Und vermute, dass es genauso konzipiert sein dürfte, wie diese zertrümmerte Wolkenstadt? Aber Betreten ist nochmals etwas ganz anderes, als es bewohnen und nutzen zu wollen? Hier gar noch richtig einzuziehen? So habe ich Eure Frage nämlich verstanden? – Also ich habe noch niemals von einer Konstruktion von solcher Absurdität gehört, derart, dass jemand darüber berichtet hätte, wie es sich darin leben ließe? – Das ist ein Wolkenfundament? Oder irre ich da? – Wie hält das allein diese ganzen Gesteinsbrocken hier oben fest? Und warum können wir darauf herumlaufen? Überhaupt, nur hochsteigen? – Ich hatte das Gefühl, eine Treppe hochzusteigen, ganz wie auf den Bildern, die der Paule beschrieb? Mit unterschiedlich hohen Stufen, angefühlt zwischendrin, wie ein verbogener Gebirgspfad, der seine Natürlichkeit eingebüßt hat. Das ist ja alles komplett zerstört. Während ich das Gefühl nicht loswurde, Ihr schrittet auf einer sich sanft anhebenden Allee? – Aber wir kamen dennoch zeitgleich oben an. – Und ich musste ständig irgendwelchen bizarren Trümmerbergen ausweichen, Zickzack-Kurs laufen, während Ihr unbeirrt und glanzvoll, wie auf einem roten Teppich schreiten konntet … allein das! – Wie sollte ich mir da einen Umbau vorstellen? Eine Reparatur? – Wo ich doch nicht einmal sagen hätte könnte, was überhaupt an Substanz gegeben war und ist? Oder auch nicht? – Das scheint sich doch der jeweiligen Vorstellung anzupassen, wie es will? – Aber vielleicht verstehe ich auch nur Eure Frage nicht richtig? – Verzeiht mir. Ich bin leicht irritiert.“ – So jämmerlich fühlte er sich sichtlich lange nicht mehr. Er fürchtet darum, dass er nur schläft und träumt und gleich von unsanfter Hand wachgerüttelt wird. Er weiß sicher, dass es gerade nicht die rechte Zeit für glamouröse Träume ist. Egal, welcher Gestalt die nun auch wären …


(Ich) „Gut. Denk dich in die Russenburg hinein? Wie es da außen in den Katakomben aussieht und, wie lebendig, funktionell und irgendwie interessant einladend innen drinnen? Und von außen glaubst du nur einen Hügel vor dir zu sehen? – Hilft dir das jetzt auf die Sprünge? Du stehst vor einem großen Wasser und ersinnst dir gerade dein künftiges Sankt Petersburg? – Stell dir vor, hier ist jede Fantasie erlaubt, alles umsetzbar. Was möchtest du sehen?“ – Okay! Er begreift es. Endlich. Lässt sich darauf ein. Dass ich wirklich ein Traumbild konstruieren will. Für sein Befinden etwas absolut Neues. Normal bin ich wohl aus seiner Sicht doch eher zweckgebunden und genauso logisch konditioniert. Aber gut. Spinnen wir mal eben verrückte Traumfäden zusammen und schauen, was man damit zusammenknoten kann? Was am Ende rauskommt? – (Wellington) „Also ich vermute, das Ganze hier hat die Form einer großen Acht? Das sagtet Ihr doch immer von diesen Wolkenstädten der Vakuda? Also ist das hier wohl eine? Eine unendliche Acht, auf der nun neue Träume zusammengesponnen werden können? – Na ja, ich liebe alte Städte, die noch so einen mittelalterlichen Einstieg bieten. Insbesondere einen Fluss, den man überqueren muss, um dann durch ein immens hohes Tor zu schreiten oder zu fahren oder zu reiten. Was auch immer. – So hoch, dass man gut auch mit einem Lkw durchfahren könnte? Nicht, weil man es wirklich beabsichtigt, sondern nur, dass es epochal eindrucksvoll wirkt? – Und ja, ich steh´ drauf, wenn was hochgeklappt oder gezogen werden kann. Also nicht einfach nur eine Tür geöffnet und hernach wieder verschlossen. Nein. So ein richtig schweres Fallgitter, das zur Not auch mal etwas schneller runterfällt, ohne Rücksicht auf Verluste … Das hat dann auch entsprechend eine etwas abschreckendere Wirkung? Dass nicht jeder glaubt, gleichermaßen willkommen zu sein? Wobei hier wiederum ungebetener Besuch eher doch nicht zu erwarten ist? Vermute ich zumindest. Aber wäre hier ein Fluss, den man erst einmal überqueren muss, fände ich das wahrlich schick. Dazu richtig hohe Mauern mit Zinnen und nochmals dazwischen Wehrtürme? So etwas gefällt mir richtig gut. Und ja, wenn man dann durch das Tor tritt, müsste man eine mittelalterlich anmutende Unterstadt betreten können. Rechts und links, sich wild ineinander verschachtelnde Gassen nach oben und nach unten sehen, dass du gar nicht sagen kannst, wo genau das hinführen will? – Nachdem die Ebene hier ja recht unbestimmt ist? Könnte man sich solch ein Wirrwarr von perspektivischer Verzerrung doch gut vorstellen? Also, dass du an einer Stelle glaubst nach unten zu laufen, um einen Aussichtsberg zu erreichen und an anderer Stelle nach oben steigen musst, um an den Fluss zu gelangen, du nach rechts abbiegen musst, wenn du eigentlich nach links gelangen willst und zwischendrin an der Decke entlangläufst, ohne runterzufallen und bei alldem Wirrwarr von Winkeln rechts und links in der Burgfeste, gibt es doch einen klaren breiten Weg geradeaus zum großen Platz vor dem Palast, wo ähnlich einer Dorfgemeinschaft alles Wichtige kreisförmig arrangiert ist und doch stimmt auch hier die Symmetrie nicht, ist auch hier die Perspektive verknotet und der einzige wirkliche Fixpunkt ist der große Springbrunnen in der Mitte des Platzes, der irgendwie auch wieder ein Treppengewirr bietet, das man nutzen oder ignorieren kann. Also nur, wenn man dazu auch autorisiert ist. Alle, die es nicht sind, sehen von den Treppen gar nichts und auch die Gebäude nicht. Nur eben die, die sie im Zweifelsfall betreten dürfen…“ – Oh ja! Denkt mein guter Hugh vergnügt: Soll ich wirklich und tatsächlich rumspinnen, fällt mir dazu durchaus was ein. Auch wenn’s letztlich zu nicht viel anderem taugt, als unsere Fantasie in Wallung zu bringen …
©Xena Falkenbourg xfw fürth. Alle Rechte vorbehalten.
