
Jörmungandrs Schatten, Buch Wandelwelten
In Erinnerung einer dunklen Zeit.
Als das Licht wieder anfing, hell zu leuchten.
Auszug aus Jörmungandrs Schatten. (Aldebaran erzählt) Die Erkenntnis, um die Wahrheit der Tatsache tot zu sein, lässt ihn kollabieren. Also suche ich Wasser. Benetze seine Stirn. Einen Gesprächspartner lasse ich mir so leicht nicht entreißen! Ich überlege, ob ich Luft in seinen Brustkorb pumpen sollte, um ihm klarzumachen, dass er noch lebt, als er schlagartig seine Augen wieder aufreißt. Sich nun versucht, zu beherrschen, um dabei seinen toten Leib still zu betrachten … hätte ich ihm nicht bereits die Augen verschlossen, wäre das jetzt wohl seine erste Handlung geworden. Ich spüre seine Gedanken, verwirrt durch sein Hirn schießen. Um jedes Familienmitglied jammernd. Seine Frau, er liebt sie noch immer, obschon sie seit Langem verblasst ist. Sie blieb die Blume seines Lebens. Er erinnert sich ihres jugendlichen Körpers. Ihrer Unschuld. Konnte in ihren, am Ende tief hängenden Brüsten, jedes einzelne Kind erkennen, das daran genährt wurde. Äußerlich blass, aber innerlich noch immer eine schillernd bunte Blume, liegt sie indessen ausgelöscht wie ausgeblüht im Sand, neben seinem eigenen Leib. Der ihm schlanker im Tod erscheint als jetzt im neuen Leben. Seine Beine ebenso. Viel dürrer am Boden. Er befühlt, vergleicht. Streichelt die Körper, die er genauso liegen lassen muss. Keiner darf mutmaßen, dass es uns gibt. Keiner darf auf die Idee kommen, uns zu suchen. Ich würde bald sichtbar sein und er vielleicht ebenso. Wer weiß das so genau? Die Tiere brauchen wir und sie sind nicht unsichtbar, außer, wir berühren sie. Aber, das tun wir sicher nicht mehr lange! Ich benötige ein Krankenbett. Dringend. Ein Zelt gegen die Sonne tagsüber und die Kühle der Nacht. – Er weiß es. Alles. Hat längst begriffen und doch klammert er daran fest. An dem, was nicht mehr sein kann. Nicht mehr darf. Er steht unter Schock. Versucht zu begreifen. Meine Existenz, seine eigene. Fragezeichen, ohnegleichen. Fragen, die selbstredend resultieren … warum? Warum wir? Warum kein anderer aus der Familie? Weshalb nicht einer meiner Söhne? – „Ich weiß es nicht. Kann nichts erklären. Bedauere. Es tut mir leid! – Ich kann dir nur sagen, was mein Instinkt mir anrät: Von hier schnellstmöglich zu verschwinden. Alles Nutzbare auf die Tiere zu laden und weiterzuziehen. – Ich möchte hier wahrlich von keinem entdeckt werden, denn ich könnte bald wieder sichtbar sein. Ich fühle es mehr, als dass ich es erklären kann: Meine Durchsichtigkeit wird porös. Als Mörder an deiner Familie möchte ich mitnichten gejagt werden. Falls du verstehst?“ – Wir befinden uns auf einer frequentierten Handelsroute. Bald würde der Nächste vorbeiziehen und sich um die Toten kümmern, Alarm schlagen und andere warnen, dass Übel auf den Wegen umherzieht. Wie es andauernd geschieht. Als Händler kennst du es. Bist es gewohnt, ständig neu anfangen zu müssen. Gelegentlich eine Wachmannschaft Söldner zu engagieren. Weil es nötig wird. Du hast dir längst Bündnispartner gesucht, deine Schätze zu verwahren. Auch in diesem Kulturkreis sind es zumeist Juden. Nicht nur als Geldverleiher, sondern auch als treue Verwahrer deiner Schätze bekannt. Stets in friedfertiger Gemeinschaft eingebunden. Zuverlässig. Weder böswillig noch raffgierig oder hinterhältig. Falls doch, hörst du Gerede. Du musst nur deine Sinne offenhalten und zuhören. – Shadi-al-Baasir, wie er sich wohlartikuliert vorstellt, hat an verschiedensten Plätzen Gold und Edelsteine hinterlegt. Nicht viel, aber ausreichend für harte Zeiten. Die in Tanger dürften nun leider verloren sein. Wir benötigten ein Wunder. Eine dritte Person, die sich uns umgehend anschließen müsste, zuverlässig sein und ehrlich votiert. Wie sollten wir die finden können? Ich hatte gute sechs Wochen völlig allein zugebracht, bis ich den ersten wie mich traf. Sobald in Tanger bekannt würde, dass Shadi-al-Baasir samt Familie getötet wurden, konnte keiner mehr so leicht etwaige Schätze auslösen. Seine Vertrauten kannten seine Verhältnisse. Wussten, dass es sonst niemanden gab. Nach Marrakesch würde die Kunde aber nicht so rasch vordringen, ebenso wenig nach Tunis, Tripolis, Kairo oder Alexandria. Ich hatte mit ihm einen sanften, äußerst klugen und diskreten Verbündeten gewonnen. Unglaublich wertvoll. Gebildet, belesen, weltoffen und informiert, achtsam, mit Detailwissen um Handelspunkte sowie Gefahren. Einer, der Alternativrouten kennt. Essenzielle Ansprechpartner vielleicht nicht immer persönlich, was eh nur vorübergehend weiterhelfen würde, dafür weiß er um Begleitumstände, wie man jenen näherkommen kann. Vorausgesetzt, man hält ein interessantes Angebot griffbereit. Er kennt die Bedürfnisse der Wüstenwelt, geltende Regeln, politische Knotenpunkte sowie Zusammenhänge. Beherrscht die Sprachen der Wüstenlande, Tamaziɣt und die gängigsten Maghreb-arabischen Dialekte und kann sie mir lehren. Er ist bereit, mir das zu vermitteln, was mir noch mangelt, als Einheimischer und letztlich als aufstrebender Gott unter Göttern anerkannt zu werden. Und er weiß zu heilen. Ergänzt um mein profundes Wissen um Heilkraft, benötigte Mittel und Herstellung, würden wir rasch zur starken Gemeinschaft zusammenwachsen. Vertrauen und mutueller Respekt garantiert. Skrupellosigkeit ist ihm fremd. Der verstörendste meiner Wesenszüge. Den er schlicht übersieht, offen ignoriert, was er davon mitbekommt. Frage ich ihn aber hernach, bestätigt er alles und ist bereit, mich in jenem Punkt auszubremsen, dezent, diskret aus dem Hintergrund. Dass es meine Herrlichkeit nicht beeinträchtigen möge, mich hingegen nochmals weiser gestaltet. Einen großherzigen Berater ausgewählt zu haben. Meine eigene Härte etwas abzumildern. Ein Berater, der hilft, falls der Herr nicht fuchsteufelswild wird. Will heißen, meine künftigen Handelspartner würden wissen, sich mit ihm gut zustellen und zeitgleich würden sie mich noch immer fürchten. Das ist es, das ich in erster Linie bei Mitstreitern suche. Verständnis sowie Mitgefühl. Was mir mangelt. – Wir verließen die typische Route, die an den Bergen im Abstand vorbeiführt. Genau dorthin strebten wir. In die Bergwelt, wo wir hofften, eine Höhle mit Quellwasser zu finden. Abgetrennte Kammern, klimatisch variierend. Im Idealfall, mit unterirdischem Bachlauf für mein künftiges Labor. Für jetzt, bloßes Beiwerk. Das viel mehr ermöglichen würde, als sich Shadi vorstellen kann … als Unterschlupf für unsere Mannen, die wir bald um uns scharen. Als Versteck für verkaufsbereite Handelswaren, Zutaten, die ein ganz bestimmtes Klima benötigen, frisch zu bleiben oder sich passgerecht zu modifizieren? Aber für normal ging es rein um Verstecke und Lagerräume, genauso für Handelswaren wie Essensvorräte, falls wir länger abtauchen mussten. Alles ist möglich, viel wahrscheinlich. Ich bereite mich umsichtig vor, indes Shadi meine Wunden pflegt. So der Plan. – Meine Waren würden außergewöhnlich sein. Sprengkraft war eines der Dinge, die ich erst jüngst näher erforscht hatte. Alles drumherum benötigt schon rein der Sache halber einen eigenen Lagerraum. Und schön trocken müsste er sein. – Ich plane Waffen zu entwickeln, vorhandene nachzubessern, andere zu erneuern. Modifikationen im richtig gewagten Sektor. Nur da, wo es mächtig knistert, kann sich der züngelnde Vulkan vollends entfalten. Ja, das schwebte mir vor: Ein Inferno zu entflammen! Eine Macht vorzustrecken, die jedwede Legende aussticht. Wo selbst Drachen zu Haustieren avancieren. Geraten meine Gedanken erst einmal richtig in Schwung, singen sie ihr Lied, wird es einzigartig fantastisch! Mein Verstand, kombiniert mit meiner Fantasie, akzeptiert keine Grenzen, schwingt sich in jede Höhe hinauf. Für mein Gespür war ich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten angelangt. Im Land von Aladins Wunderlampe, im Land der Märchen von Tausendundeiner Nacht. Scheherazade wartete längstens auf mich …
Ist man trickreich veranlagt, kann man durchaus beide konkurrierenden Seiten mit Materialien versorgen. Kraftvolles, Einmaliges, schwebte mir vor, feilzubieten. Nicht vergleichbar würde es sein, konkurrenzlos, dass sich kein Handelspartner je betrogen fühlt. Ich wollte Lieferant solcher sein, die Macht anstreben, jener, die absichern, anderer, die nur ihre Standfeste aufzubessern trachten und nochmals anderer, die anspruchsvoll sind, nur die besten Kräuter, Weine und Heilmittel am Markt akzeptieren … mein Angebot würde kulturübergreifend interessant sein. Für jeden und alle. Den einfachen Bauern, der Saatgut benötigt und trickreiche Hilfsmittel im Haushalt, sein Vieh und die Familie gesund zu halten? Den Händler, der mit Exklusivität Handel trieb? Den Kriegsherrn, der auf Sieg aus ist? Den Herrscher, der seine Macht bewiesen sehen möchte? Den Kämpen, der seine Unbesiegbarkeit bewiesen sehen möchte? Sie alle wollte ich zu meinen künftigen zufriedenen Kunden zählen. – Gift als trickreiche Waffe, dem Schwachen ergänzt und damit einen Schritt Richtung Chancengleichheit gesetzt? Kraft alternativ dargeboten? Dem Starken jedwede Arroganz zur Achillesferse umgemünzt? Pfeilspitzen, Dolche, Schwerter, mit Gift präpariert? Materialien verwendet, die beim Aufprall auf Metall Funken sprühen und leicht Entzündliches entflammen? Wie schnell zuckt man zurück, macht sich verwundbar, weil etwas passiert, mit dem man nicht rechnete? Überraschungseffekte, seit jeher meine Spezialität. Weshalb man mich fürchtete. Auch hier strebe ich solchermaßen an. – Stoffe stoßfest, wasserabweisend, brandfest zu kreieren, ohne sie zu beschweren? Reine Stoffpanzerung, leicht und wendig, angefühlt und dennoch stabil? Mittelchen, Krieger unerschrockener, wendiger und ausdauernder zu machen? Elixiere, Pülverchen, Empfindlichkeiten zu reduzieren, deine Sinne zu stärken, dich zum Adler auszuformen? Dir Leichtigkeit, Schwindelfreiheit zu vermitteln? Klettern plötzlich beschwerdefrei einfach zu gestalten, weil du deinen Mittelpunkt instinktiv günstiger ausbalancierst? Nettigkeiten, bei denen ich jahrelange Erfahrungen vorweisen kann …
©Xena Falkenbourg xfw fürth. Alle Rechte vorbehalten.

