Jörmungandr, Buch Wandelwelten
Als neue Hoffnung aufkeimte,
sich die ersten Leuchtfeuer entzündeten.

Auszug aus Jörmungandr. (Aldebaran erzählt) Die Hölle! Kyrnatak ist hier! – Schwirren mir wirre Gedanken durch den Schädel, während meine Zungenspitze besorgt meine Lippen benetzt … hier in der Rheinebene? Aber es hieß doch immer, es läge unter Wüstensand der Sahara verborgen? Weit weg? – Wie man sich täuschen kann. Die Hölle lebt überall dort, wo sich das abgrundtief Böse häuslich niederlässt, sich einrichten kann. Aber hier in der Rheinebene, wo sich uralte Kräfte formieren? Wo alle Grundlagen geschaffen wurden? – Natürlich lebt hier genauso die Hölle, wie der weite Himmel, die glorreichen Tage, wie die unstete Vergangenheit … irgendwie logisch. – Das Böse, das nicht nach deiner Meinung begehrt, wenn es an deine Türe klopft, dir Fragen stellt … ja. Das sind meine Gedanken, als ich diese Leute an mir vorbeireiten sehe. Dass sie genau daher kommen müssen. Aus den Krallen des Schreckens befreit, diesem entfliehen konnten. Diesem Grauen, das man der Hölle zuspricht. Jedenfalls riechen sie so. Schmeckt die Luft so, die sie berührt, als ich aus meinen Schatten trete, ihnen nachzusehen. Ein Einarmiger in ihrer Mitte. Blutend. Mit dem Tode ringend. Sie glauben, seinen Stumpf gut versorgt, sicher abgebunden. Sie irren, er verblutet. Direkt nebendran … sie fliehen. Vor Teufeln. – Nicht dem Krieg, der findet hier unten derzeit nicht statt. Nicht dieser Tage. Und doch weiß ich genau, dass sie den Krieg gut kennen, dass sie genau von ihm Zeugnis ablegen könnten. Aber es ist kein Gefangenenlager, dem sie entkamen. Es ist ein deutlich finsterer Ort. Sehr nahe gelegen. Weshalb ich den Tod so deutlich auf meinen Lippen schmecke … mit Angstschweiß, Pech und Schwefel »fein« abgestimmt. Zwei der drei sind Tote. – Aber wohl keine, die ich finden soll? Denn Mithras schickte mir ein gänzlich anderes Bild, als sonst. Eine Flammensäule, die vom Himmel zur Erde niedersteigt, einen toten Mann wieder aufzuwecken, bevor das Wasser ihn ertränken kann. Der eben erst verstorben ist und nun vom Rauschen des Wassers wiederbelebt, mit zwei Armen davonschwimmt, indessen er zuvor nur noch einen hatte. Ich warte also auf ihn. Den Mann in ihrer Mitte, der soeben verblutet … aber ich bin nicht als Arzt her befohlen. Nur als Zeitzeuge einbestellt, zuzuschauen, untätig zu bleiben. Die junge Schönheit übernimmt als Kommandant. Als Ablöse des Einarmigen. Der andere, ein stolzer, hochgewachsener Nordmann, liegt ihr gedanklich zu Füßen. Demutsvoll. Er sah etwas, das ihm unwirklich schien. Finster. Aber er fürchtet sich nicht. Erkennt es als überirdisch … Opfer von Menschenversuchen. Das sind sie. – Hier in der Ecke spielt einer mit schwarzer Magie! Verbündet sich mit Gleichgesonnenen. Tarnt alles mit den Gräueln des Krieges … Praktisch gedacht. – Ein Analytiker? Somit, falls als Gegenspieler klassifiziert, sicherlich kein bequemer. Wir werden sehen. – Hat wohl uralte Schriften entdeckt, am Ende noch von den Vakuda? Leutselige Gedanken enthaltend, was man so alles erschaffen könnte – verändern – modifizieren? Ja. Die Vakuda hatten in diesen Punkten reichlich viel abstoßende Ideen. – Die ein aktueller Teufel nun munter an Kriegsgefangenen austestet … oh weh. – Nichts. Gar nichts. Das ich gutheißen kann. Das muss ich mir in jedem Fall nochmals näher betrachten …

Pragmatisch konstatiert, scheint da ja bereits etwas Unsägliches funktioniert zu haben? So wie der blonde Hüne diese kalte, nüchtern wirkende Schönheit anschaut? Was auch immer die Teufel ursprünglich herauszufinden trachteten, sie verzeichneten wenigstens doch einen nicht ganz untragischen Teilerfolg. Ihre »Neuschöpfung« übernahm hernach aber wohl dummerweise das Kommando? Und nicht zugunsten derer, die ursprünglich daran profitieren wollten, steht zu vermuten? Sie nennt sich jetzt Jolina SaintClure, der Große wird von ihr Sarge genannt, oder noch läppischer »Schwede«. Der einarmige, mutmaßliche Hauptmann, rein nach Haltung am Pferderücken bemessen, selbst im schleichenden Tode noch akkurat aufrecht sitzend, mit perfekt durchgestrecktem Rücken, stolz wirkend, könnte ein Sachse sein? Im Winterquartier in Mainz, nicht so weit entfernt, gibt es solche Gemeinschaftlichkeit, dass ein schwedischer Sergeant einem sächsischen Hauptmann unterstellt ist. Ja, dieser elendige Krieg bewirkt auch seltsame Bündnisse. Das Mädchen könnte eine Hure aus diesem Umfeld sein? Die sich nun zum Anführer erhebt? Weil sie die erste Wiedererwachte war? Nein. Das ist nicht der Grund. Der Hauptmann stirbt erst in der ersten Runde. Durfte seinen Begleitern wohl beim Sterben zusehen, bis er selbst als Letzter dran war, ihnen nachzufolgen? Aber dann geschah wohl etwas, das so nicht erwartet wurde. Von keinem. Das Experiment gelang. – Sie spielten Gott. – Erschufen das Leben im Tode neu. – Oh. Das fühlt sich verdammt ungut an. Deshalb wohl dieser unsympathische Geschmack auf meinen Lippen? »Sie«, ganz speziell, fühlt sich unheilig an. So, als wäre sie nicht »richtig«? – Eine dümmliche Begrifflichkeit. Aber mir fällt gerade nichts Besseres dazu ein. Sie ist nicht »echt«. Weder als »Gestorbene«, noch als »Wiedererwachte« betrachtet. Sie ist »unwahr«. Während er, der Sarge, wirklich gestorben ist. Nur als Wiedererwachter ist auch er »falsch«, nur »halb richtig«. Oh weh. Dem muss ich nachgehen. – Dass es von dieser Sorte nicht am Ende noch weitere gibt. Gar nicht gut. – Wenn solche, wie wir, ab jetzt künstlich erschaffen werden? Man stelle sich vor, du wirst nur getötet, dass dich hernach, wer wieder »unheilig« aufwecken kann? Weshalb du jedes Jahr zulegst, stetig etwas stabiler wirst, immer dehnbarer, belastbarer, sportlicher, ganz ohne Training? Immer wendiger, präziser, zusehends konzentrierter? Sprich, das Gegenteil von herkömmlicher Natürlichkeit stellt sich ein. Du baust nicht jährlich ab, nachdem du deinen Erwachsenenstand erreicht hast, nein, du baust jährlich zu, wirst immer schwieriger »tötbar«, für etwaige Widersacher. Altersbeschwerden, Gicht in den Knochen, Sehschwäche, faule Zähne, gibt es nicht mehr. – Eine ungute Vorstellung, was sich da die fantasiebegabte Menschheit draus basteln könnte? Welche Pläne sich zusammenspinnen? – Oh weh!
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