
Mitternacht, Buch Der Aufbruch
Wenn mit Verlust, Tod und Schmerz
ein neuer Anfang erst möglich wird.
Auszug aus Mitternacht. Die einzige offene Frage, die Nessel im Herzen noch feststeckt, ist die, warum Loki sich nicht bei ihm meldet? Auf keine seiner Botschaften reagiert? Denn, wenn ihm etwas zugestoßen sein sollte, würde es nicht nur dem Jetzt und Hier deutlich schlimmer ergehen und die Zukunft von vornherein zum Scheitern verurteilt sein. Aber das kann nicht sein. Darf nicht sein … denn er glaubt fest daran, ihn – sprich Loki selbst, genauer gesagt dessen vertraute Mitstreiter – in diesem Zeitfenster der Zukunft gesehen zu haben. Junge, kampffähige, kraftstrotzende Männer, die dennoch den Eindruck von »friedvoll gesonnen« vermitteln konnten und sie nannten sich alle mit zweitem Namen Aschwind. Sie hatten orangefarbene Augen und der eine von ihnen, Gelda genannt, der Anführer, hatte eindrucksvoll rote Augen. Aber sie wirkten deshalb dennoch nicht lüstern und gefährlich, was diese Farbe normal doch immer suggeriert? Jedenfalls schienen die es, in der Zukunft, nur teilweise erkennen zu können. Und die, die es taten, schwiegen darüber einhellig. Denn es war ein Zeichen für die Schattenwelt selbst … nicht einmal Melyzanth kann Nessel so genau sagen, was denn jetzt die Schattenwelt ist? Ob sie ein Teilbereich von Helheim ist oder nochmals etwas ganz anderes? – Mit wem wird sich Loki da einlassen? Und ist das der Grund, warum er sich im Hier und Jetzt zurückgezogen hat? – Bitte nicht! Nessel braucht ihn jetzt hier. So unendlich dringend, dass er vor lauter Angst kaum mehr richtig geradeaus schauen kann … und das nur deshalb, weil er, Nessel, seine Brüder und Schwestern nach dorthin ausgesendet hat. Und nur mit einer halben Botschaft im Handgepäck! Rein aus Sicherheitsgründen. Versteht sich. Wie aber sollte Hermes je herausfinden können, was er, Nessel, damit meint? – Oh, Loki, bitte! Komm noch einmal zu mir zurück und hilf mir, diese Sache richtig zu Ende zu bringen. Bitte. – Mit dieser elendigen, grauenvoll anzufühlenden Last auf seinen Schultern, mit dieser implizierten Schuld beladen, tritt er seinen letzten schweren Amtsgang an. Sein Volk zu ermorden … an diesem grausam unwirklichen Tag, der schon am Morgen mit Vriekas Tränen begann und mit ihrem endgültigen Einschlafen am Nachmittag für sie endete.
Natürlich gibt es Loki noch. Wie könnte es auch anders sein? Einer, der mit Gevatter Tod und dem Zufall Karten spielt und Wetten abschließt, genüsslich edle Weine süffelt und den Geruch von Schwarzwaldtannen kombiniert mit dem herben Duft von Pferdestallungen in seiner Nase liebt? Wie könnte auch so einer so einfach von diesem Erdballen runter gefegt werden? Nein. Nessel muss sich um alles Sorgen machen, absolut berechtigt, aber nicht um seinen geliebten Schatz aus dem Nachbarlager. Denn der ist bärbeißig genug, selbst eine zufrierende Hölle überstehen zu können. – Zumindest doch nach dieser kommenden Woche … in dieser Woche lernt Loki das Grauen selbst kennen, das sich einem wortlos beklemmend um die Beine schlingt und langsam an einem hochklettert und nichts, aber auch gar nichts kann dich davor bewahren, dass es dir am Ende dein Herz abklemmen wird. Genau das, was am Ende dieser Woche für Loki ansteht … endlich hat er, Loki, sie alle so weit, die Vakrey – wie sie ihre Offiziere in beiden Zauberwesenwelten nennen – hinter sich geschlossen versammeln zu können und zusammen mit Fiowan, dem Regenten der Unaalid, auf die goldene Stadt zuzumarschieren. Eigentlich ist der Ausdruck gänzlich falsch. Denn zwischen ihren Städten liegt einiges an Wegstrecke, darunter schneebedeckte höhere Berge, Gletscher mit viel Eis und genauso flachere Hügel mit langen tiefen Flusstälern nebendran und deshalb nutzen sie von ihrer geheimen magischen Ausstiegspforte Pferde, um die letzte Entfernung zügig überwinden zu können … er als der Vertreter des Rats der Regenten, Fiowan als Anführer ihrer Streitmächte. Aber sie sind noch nicht wirklich nahe genug dran, um auch nur Geräusche aus Richtung der belagerten Stadt vernehmen zu können, da hören sie Pferdehufe eilends ihnen entgegenkommen. Einer wurde ausgesendet, ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen. Loki treibt die Pferde noch schneller an. Denn egal, was es auch sein mag, es kann kaum in seinem persönlichen Interesse liegen. Wenn Nessel längstens aufgegeben hat? Und die Hævoqs unterdessen schon in die Stadt einließ, wird es ein Meuchelmord der besonders schlimmen Art geben … Nur, wenn er mit den disziplinierten Vakrey das ganze Unterfangen anführt, haben sie eine Chance, das Schlimmste zu verhindern … aber das alles zieht sich bereits so schrecklich lange hin und die letzten Nachrichten von Nessel stammen aus der letzten Dekade. Wer weiß, wie es unterdessen innerhalb der Mauern aussieht? Wie groß ihre Verzweiflung ist? Wie elend ihr Dasein anmutet? – Loki hat bohrende Angst, genau das herauszufinden und dieser eilende Reiter auf ihrem Kurs bereitet ihm nochmals mehr Angst als alles andere zusammen. Er spürt, wie sich sein Herz in seiner Brust verkrampfen will, wie er kaum mehr in der Lage ist, tief durchzuatmen, so sehr bangt es ihn um Nessel und seine sterbende Welt. Denn nur von dort kann etwas zu ihnen rüber gedrungen sein, was diese Eile des Reiters erklärt … „Mein Herr!“ – An Loki gerichtet, den sichtbaren Anführer der heranrückenden Reiterschar … „Die Wachen auf den Zinnen sind eingeschlafen! Mehr oder weniger alle gleichzeitig! Sie sind einfach so in sich zusammengesunken, einer davon ist über die Mauer gerutscht. Er war längstens tot, als er bei uns unten aufschlug. Aber keiner schlug Alarm und jetzt versuchen schon die ersten das Tor, mit der Ramme, zu öffnen und andere zerren Leitern, Belagerungstürme und Rampen vor. Sie sind sicher schon drinnen und haben das Tor durchbrochen, bis Ihr ankommt … Bitte eilt Euch!“ – Der gute Mann weiß nicht recht, ob er sich freuen darf oder doch besser Entsetzen über die Eigenmächtigkeit der Tat verlauten lassen muss. Aber man merkt ihm überdeutlich an, wie er jetzt gerne selbst dabei wäre, herauszufinden, was hinter den Mauern so vor sich geht. Was mit den Wächtern auf den Zinnen passiert ist? Ob jemand von innen sie tötete und selbst schon dabei war, das Tor für sie aufzusperren? – In den letzten 35 Jahren gab es so viele Attentäter innerhalb der Mauern, so viele Verräter in den Reihen der Vakuda, dass du ohnehin niemals wirklich zur Ruhe kamst. Egal, wie du zur Sache standest, ob du in Sorge um sie warst oder dich auf den möglichen Sieg freuen wolltest, es war ein täglicher Kampf, garniert mit Hinterhalt, Tücke und List. Eigentlich genau sein Spezialgebiet. Weshalb er bis vor knapp vier Wochen wenigstens auch genau wusste, wie es drinnen aussah. Nur die letzte Zeit ist auch dieser Vorteil verloren gegangen. Sein Kontakt zu den gelben Ophar, den Wissenschaftlern in der Stadt Vreemarr, wurde abgeklemmt … es gab zuverlässige Kontakte, die sie regelmäßig durchtauschten, um sie ungefährdet, sprich unentdeckt zu lassen; zudem nutzten sie Sklaven und Diener innerhalb der Familien dieser Mannen. Und dann konnte er für gewöhnlich auch über einen braunen Yandur, einen der Handwerker, etwas herausfinden. Aber die letzten Wochen klappte nichts mehr davon. – Er fürchtet, seine Nachrichten erreichten Nessel genauso wenig, wie dieser Botschaften an ihn aussenden konnte. Irgendwer, der ihr Werkeln durchschaut hatte, knüpfte sich genau diese Männer und Frauen vor und ließ sie ermorden. Ohne, dass es an die große Glocke gehängt wurde und du deshalb anfingst, nach Alternativen zu suchen. Das heißt, der Mörder dürfte eine Frau gewesen sein und die Mordwaffe unauffälliges Gift. Mit fast identischen sichtbaren Auswirkungen wie der bohrende Hunger selbst. Und deshalb hat keiner einen logischen Zusammenhang erstellt. Kapiert, dass sie verraten wurden. Weil sie auch schon viel zu schwach innerhalb der Mauern sind. Um noch Hoffnung schöpfen zu können, um sich noch wehren zu können. Gegen irgendwas.
©Xena Falkenbourg xfw fürth. Alle Rechte vorbehalten.













