
Mondknoten, Buch Wandelwelten
Wo die Erde sich verstanden fühlt.
Die alte Bibliothek noch steht.
Auszug aus Mondknoten. Sie fühlt, dass sie auch ohne ihren Röntgenblick, schon verängstigt genug sind. Am Morgen darauf gesellt sich dann überraschend der dominante Streitwin an ihren Frühstückstisch. Und Alexander|Axel freut sich sogar sehr darüber. Findet er damit doch einen Ansprechpartner, dem er sich anvertrauen kann, ohne — seinen Männern gegenüber — offen zugeben zu müssen, wie er sich fühlt. Er, ihr Anführer, macht sich fast ins Hemd! Scheiße, Mann. So etwas darf nicht passieren. Ist es aber und er weiß noch immer nicht, wie er damit umgehen soll? Und da taucht dann glückseliger Weise Chevs Gesicht vor ihm auf und er wäre ihm am liebsten ganz französisch mit Bussi rechts und links um den Hals gefallen. Was Axel für gewöhnlich nicht passiert, dass er so emotional gestimmt ist. Eigentlich ist er immer der Beherrschte, der Stille, der offenkundig keine Probleme für sich kennt. Grade fühlt er sich aber — ganz im Gegenteil — vollkommen durch den Wind. Chev schnappt sich kommentarlos Axels Teller, ein Handzeichen drückt aus, selbst die Tasse zu ergreifen und schon geht’s ins Nachbarzimmer rüber, wo man gemütlich mit Blick auf den warmen Sommertag am kleinen Tisch vor dem Fenster Platz nimmt. Irgendwoher zaubert Chev derweil auch einen vollen Teller Frühstück für sich selbst, eine Tasse und zugehöriges Besteck, was er ebenso für Axel mitgenommen hat. Was dieser in dem Moment nicht hinterfragt, dazu ist er viel zu sehr mit sich selbst und seinen Sorgen beschäftigt. Er grübelt noch immer darüber, ob er dem Prinzen die Details zu den Erlebnissen direkt mitteilen sollte oder es erst einmal lieber totschweigen? Bevor der, am Ende, noch Sorgen bekommt, Axel könnte kneifen und ihre Mission zum Scheitern bringen? — (Chev) „Erzähl mir, was genau passiert ist.“ – Ohne Umschweife, Einleitung, Grund. Einfach so … mach mal. Und fasse dich kurz, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. – Genauso, wie Streitwin eben unterwegs ist … aber er klingt weder dominant noch selbstgerecht, wie sonst, sondern vielmehr mitfühlend. Eine Komponente, die Axel noch nie fühlen durfte. Heute braucht er sie, somit ist sie da … es dauert nicht wirklich lange, da kriegt Alexander|Axel seine benötigten Antworten serviert … „Du solltest deinen Chef nicht sofort informieren, der würde sich nur unnötig Sorgen machen … lass uns das Ganze erst einmal in Ruhe zusammen erkunden gehen und gib deinen Jungs dafür heute einen Tag frei … aber sag ihnen bitte, dass sie hier im Quartier bleiben müssen … bisher hat euch hier keiner im Tal groß registriert. Wenn jetzt plötzlich zwanzig schicke Jungs eurer Art hier herumstreichen, werden das sogar einige mitbekommen und davon könnte wer-auch-immer hören und dann ist unser geheimer Ort hier nicht mehr lange so geheim, wie ich es gerne hätte … zumindest doch vor deiner Welt würde ich gerne versteckt bleiben. – Du verstehst, was ich sagen will?“ – Klar, versteht Axel das. Liegt es doch auch in seinem Interesse, keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Also, ruft er Ignaz Zwergl und Herbert Weinsberger, seine Kandidaten für den Anführerjob der künftigen Kampftruppe. Er instruiert sie, den Ball flach zu halten, die Jungs im Quartier festzuzurren und auch die Hände vom Telefon zu belassen, bis Chev und er mit neueren Kenntnissen zurückgekehrt sind. Was den Tag über dauern könnte … man kann nie wissen … und, falls alles schiefläuft, soll Ignaz dem Chef Meldung durchgeben und die Truppenführung übernehmen. Und der Herbert ihm als Berater zur Seite stehen … alles Weitere soll der Chef telefonisch bestimmen und abklären. — Diesmal fahren sie nur bis Weisenbach und laufen ab da über den Maienplatz zum Steinberg hinüber, wo sie anfangen, konsequent nach Spuren der Waberwolke samt Drei-Mann-Besatzung zu suchen. Chev braucht nicht sehr lange, eine Spur aufzutun, aber die verlieren sie wieder kurz vor der Badner Höhe … auch ihre Gegner zogen Wildwestmanier offiziell vorgesehenen Wanderwegen vor. Somit ist die Spurensuche dieselbe, die sie nun schon gut zehn Tage trainieren. Aber die Jungs, denen sie da nachspüren, sind wenigstens doch auf ihrem Niveau unterwegs, das heißt, du kannst so gut, wie keine Hinweise im Gesträuch über sie oder ihr Begehr finden. — Letztlich entscheidet Chev, die circa 50-Kilometer-Verfolgungsstrecke nochmals in aller Ruhe abzugehen. Irgendwann bleibt er abrupt stehen und obwohl Alexander|Axel nichts entdecken kann, weiß er, dass hier etwas Schlimmes passiert sein muss. So wie Chev gelernt hat, alle Informationen, die er benötigt, aus den Tiefen von Alexander|Axels Augen abzulesen, hat Alexander|Axel gelernt, aus Chevs Stirnfalten schlau zu werden. Zumindest doch grobe Richtung zu wissen, in welche dessen Gedanken gerade abbiegen … beim Hundseck taucht eine tiefe Stirnfalte auf, augenblicklich wieder weggewischt. Aber Alexander|Axel weiß nun, dass Chev noch in derselben Nacht zu diesem Punkt zurückkehren wird. Irgendetwas ist hier passiert, was er vor Alexander|Axels Augen verbergen möchte. Etwas, das Chev zutiefst erschreckt. Genauso heftig wie gestern Axels Gefühl, genau an dieser Stelle. Genau hier ging’s los. Genau hier blieb er mitten in der Bewegung stehen, um dann Sekunden später, wie ein Irrer loszurennen … denn diese Tiefdruckzone, mit eisiger Unterströmung, umgeben vom lauschig warmen Sommerlüftchen, fühlte sich wie die Hand des eiskalten Todes selbst an. Und dem wollte er am gestrigen Tag, ganz sicher nicht, näherkommen müssen. – Die drei zugehörigen Männer nimmt er zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht wahr. Die sieht er erst vom Baumwipfel herunter, mitten in der Rauchwolke drin.
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