
Jörmungandrs Schatten, Buch Wandelwelten
In Erinnerung einer dunklen Zeit.
Als das Licht wieder anfing, hell zu leuchten.
Auszug aus Jörmungandrs Schatten. (Aldebaran erzählt) „Morgen starten die ersten Karawanen mit Zielpunkt Europa … unser künftiges Hauptabsatzgebiet … am Weg erfüllen wir selbstredend bestehende Handelsverträge und halten unser Lager frisch bestückt … ab morgen transportieren wir deutlich mehr als bisher über See und Binnenschifffahrt. Europa ist grün, von reichlich Gewässern durchzogen. Das nutzen wir. – Wir steuern über den Atlantik, die Nordsee und die Ostsee an. Versorgen das Baltikum, wie Dänemark und den skandinavischen Raum und Polen und von dort aus über Binnengewässer. Alle Ländereien, die unsere Karawanen parallel über Landweg passieren … unser Handel wird sich weniger, denn je auf Küstenlinien und große Häfen konzentrieren, sondern tiefer ins Inland vordringen … unser Handelsgut von den Brüdern passend übernommen und – wie für uns typisch – auf Tierrücken und Karren verladen. Womit wir jeden attraktiven Punkt der Landkarte erreichen. Das heißt, wir nutzen euer exzellentes Kommunikationsprinzip nochmals intensiver! Nicht nur für den Ausnahmefall … es gibt eine Italien-Runde, die ich als Drei-Jahres-Tour plane … dieses Jahr starten wir alle von hier aus. Suchen nur etwas Abweichung von unseren Brüdern, falls die anfangs auf ähnlichem Kurs unterwegs sind. – Die Italientour startet künftig in Tunis. Bezieht dort am Hafen via Karawanen und Schiffstransporten frische Waren und zieht sofort los nach Libyen, während die Zuliefer-Karawane und Schiffsbesatzung den Handel vor Ort mit anderen Kaufinteressenten fortführen. Damit wird es nicht langweilig, nur über kürzere Streckenabschnitte zu transportieren … sie umsorgen am Landweg sämtliche Märkte Algeriens und ergänzen die der Salzstraße. Ich sehe allerorts reibungslose Kombination von Karawane und Schiff. Kurze, knackige Touren, das heißt, den hier Integrierten bietet sich reichlich Zeit für intensive Weiterbildung. Verpflichtend, klar! – Die Salzstraße, wie diese kurze Tour, werden im Wechsel mit unseren Waffenschmieden, Apothekern, Gerbern, Zimmerleuten und so weiter betreut … Koordination – abgestimmt mit Shadi – obliegt Amaniyy, der zuhause sein wird, läuft eine größere Gruppe ein. Er sorgt für dauerhaftes Wohlbefinden als seine wichtigste Aufgabe …“ – Eine Italientour? Das klingt nach Abenteuer. Am liebsten würde gleich jeder aufstehen und sich melden. Aber sie kennen mich und, wie wenig ich es leiden kann, unterbricht man mich mit Trivialität und Irrelevanz. Also bleiben sie geduldig sitzen und warten auf die Vorstellung der nächsten Tour … „Die Spanientouren sind die kürzesten. Mit dem Schiff nach Granada übergesetzt, die Iberische Halbinsel einerseits großflächig umrundet und Anrainergebiete erschnuppert, andererseits parallel, quasi zeitgleich, durchquert. Führt im ersten Fall im Küstenrandgebiet und grenzüberquerend nach Portugal, durchs westliche wie nördliche Kastilien und durch Navarra. Durch die Pyrenäen, Südfrankreich streifend, an der Côte d’Azur entlang bis nach Genua, bis wir den Einzugsbereich unserer Italienrunde nahezu berühren … wieder zurück nach Aragón. Etwas tiefer rein ins Küstenrandgebiet … seitens Spanien, wie Portugal, wird das Inland von der zweiten Truppe intensiver bereist … wie gesagt, Zeitfenster dieser Touren sind zwei Jahre. Dabei müsst ihr euch mit der parallellaufenden Truppe gut koordinieren und genauso mit der jeweiligen, die im zweiten Jahr auf gleicher Strecke läuft. Dass ihr euch nicht gegenseitig den Absatz versaut …“ – Ich betrachte ihre Gesichter … „Letztlich werde ich unsere Karawanen kontinuierlich auf gleicher Strecke durchs jeweilige Zielgebiet schicken. Ich will nachhaltige Veränderung bewirken. Einfluss in die Entwicklung nehmen. Nicht kulturell irritieren, wie wir es jetzt an unseren ausgebauten Handelsposten erleben, was uns in Konflikte hineinziehen ließ. – Nein, künftig werden wir wie Wolken übers Land schweben. Wie eine weitere Jahreszeit sein, die sich den bisherigen Vieren galant mit anschließt. Und genauso Wandel und Eigenheiten mitliefert, wie Natürliches an vieler Stelle. Wir werden Abstand halten und damit Neugierde erzeugen. Sie werden sich ihre Finger nach uns schlecken, sehnsüchtig auf unsere Wiederkehr warten … ihr habt, wie bisher, eure Familien dabei, genauso eure eigenen Tiere und sollte ein Sohn oder eine Tochter im korrekten Alter für eine fundierte Ausbildung sein, könnt ihr ihn oder sie für eine Runde zuhause lassen. Diese Sorge an eure Familien vor Ort übertragen. Und nach Abschluss selbigen Strebens, sortiert ihr sie wieder bei euch ein und lasst euch zeigen, was es Neues zu wissen gibt …“ – Spanien? Portugal? Die französische Küste? Wie klein diese Truppen wohl sein werden? Wie häuslich wird man sich einrichten können? – Fragen über Fragen in ihren Köpfen! – Bisher zogen die meisten in solch großer Truppe übers Land, dass selbst mehrere Kleinkinder kein Problem stellten und Lehrer und Betreuer stets ausreichend vorhanden waren. Wie viel Arbeit auch jeweils anstand … wo würde ich mich selbst einklinken? – Das fragen sich viele in jenem Moment. Wo meine Kinder und Kindeskinder sein? Bisher galt es, sich das Recht zu erlangen, in meine Familie einzuheiraten. Eine meiner Töchter in sein eigenes Zelt führen zu dürfen. Sich als ehrenwerter Ehegatte zu beweisen … eine hohe Ehre, für die jeder von ihnen bereit war vieles zu geben und auf anderes großzügig zu verzichten … „Die nächste Tour ist wiederum eine Dreijährige. Führt am Ende via Schiffstransfer von Frankreich zurück nachhause. Nennen wir sie die Habsburg-Frankreich-Runde. Mit ihr bereisen wir ab Griechenland die mittleren Gebiete Europas. Den Habsburger Raum. – Die ersten Touren werden uns wichtige Daten liefern. Im Erzherzogtum Österreich, sowie Ungarn, Böhmen und Mähren bis nach Schlesien hoch, erwarte ich ein breites Interesse. Desgleichen in den süddeutschen Fürstentümern und letztlich in ganz Frankreich …“ – Ja. Meine Rede kommt prächtig an. Ihre Augen strahlen. Sie begreifen sofort, dass sich hier und heute für sie die Gelegenheit bietet, ihr künftiges Dasein nachhaltig in sichere Bahnen zu lenken. Dazu müssen sie sich mir, mehr denn je, gewogen beweisen. Mir stärker und besonnener erscheinen, als gestern noch, strategisch versierter, kalkulierter, als jeder ihrer Brüder und Kameraden … sie müssen mir beweisen, dass sie mit zu den Besten meiner Händler zählen, zu den versiertesten Vertragsgestaltern, zu den ruhmreichsten Anführern … ja, die Idee ist brillant. Am Ende fällt mir alles nonchalant, frisch geschmiert in den Schoß, was, solange schon angerostet klemmt … sie sprechen mich mit Mylord an. So wie im Anbeginn geplant und in den ersten Jahren noch konsequent täglich betont. Aber, ab Salamahs und Jamals Partnerschaft, der Mitgliedschaft ihrer kühnen Berberhorden in unserer starken, wachsenden Gemeinschaft, nicht mehr als gar so essenziell nötig bewertet und immer laxer gehandelt … das kann ich für Europa wirklich nicht brauchen, dass jeder seine eigene Fassung Namen für mich kreiert. Sich fragt: Bin ich wirklich ein wahrer Gott? Oder doch nur sein Prophet? Oder schlicht gesehen, nur ein mächtiger Anführer? Der Namensgeber der Gemeinschaft? – Nun ja. Ab da bleibe ich ihr Lord. Ohne, Wenn und Aber. Konsequent, ohne, nachdenken zu müssen. Und nur leise, mit Flüsterstimme, wird der Name Aldebaran gelegentlich zwischen die Zeilen gehaucht. Eigentlich gar nicht mehr laut intoniert. Was gut ist. – Somit eilt unserem Bestreben eine mystifizierte Fassung eines nebulösen Lords voran, der in einem Löwenkostüm gesehen wurde. Mit ausdrucksstarkem, passendem Schlangengürtel. Eine Felsenpython, eine gefährlich aggressive Würgeschlange, mit bis über fünf Metern Länge, die man für sich selbst als mystisch beziffern möchte. Mein Gürtel lässt eine Erwachsenenausgabe mutmaßen. Allein schon deren Heimat bereist zu haben! – Zahlreiche schlichte Halterungen aus dieser Haut. Abgesetzt von Löwenelementen. Gewaltig, solcherart Begegnungen nachweislich überlebt zu haben. Ja, genau darüber flüstern sie: Dass es wahr ist! – Daraus entwickelt sich zügiger, als man solches Ding planen könnte, ein sagenumwobenes Flüstern, um eine mystische Löwenschlange, das jeden demutsvoll achtsam werden lässt und den innigen Wunsch nach Niederknien impliziert. Das heißt, Säbelrasseln ist bald nicht mehr notwendig. Wir werden schneller, als man sich so etwas vorstellen könnte, zu Wolken, die übers Land ziehen und neue Jahreszeiten einläuten. Die Gürtlerzeit. Die Blütezeit des Handels für uns.
©Xena Falkenbourg xfw fürth. Alle Rechte vorbehalten.

1 thought on “Die Gürtlerzeit bricht an”
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