
Jörmungandrs Schatten, Buch Wandelwelten
In Erinnerung einer dunklen Zeit.
Als das Licht wieder anfing, hell zu leuchten.
Auszug aus Jörmungandrs Schatten. (Aldebaran erzählt) „Was willst du mir sagen? Jamal? Ich höre dir zu …“ – Es wird ein zähes Gespräch. Ein grausiges, dass ich immer noch nicht ganz glauben kann, wirklich daran teilgehabt zu haben. Sie wollen mir den Übergang erleichtern. Von einem Lebenspartner zum nächsten. Ich darf nicht allein bleiben, benötige junge Frauen und Mütter und kleine Kinder um mich. Kinder, die Meine sein könnten. Das heißt, ich benötige Lebenspartner, die mir ausreichend ähnlichsehen, dass ihre Kinder als meine gelten können. Jamal ist aber nur bereit, mir einen Deckhengst zuzugestehen und einen Liebesgespielen, weil es ihn zu sehr ermüdet. Keinen Gesprächspartner für erquickliche Nächte der Auseinandersetzung, die ich schmerzlich vermissen werde … oh Herr! Wen genau ich da auch meine: Hilf mir bitte! – Er möchte der einzige in meinem zweiten Leben bleiben, der mir diese Nische meines kalten Herzens ausfüllt. Jetzt, wo ich weiß, dass es darin auch Wärme geben kann. Wärme, die im Laufe der Zeit tatsächlich immer intensiver wurde … will heißen, laut Jamal, dass ich völlig anders liebe, als andere es tun. Als jeder, den er kennt und kannte. Meine Liebe wurde rein durch primitives, lüsternes Begehren erzeugt – wie natürlich vorgesehen – und eroberte ab da, Stück um Stück, den gesamten Raum, atmete gen Ende alle verfügbare Luft und Sphärenhaftigkeit ein und erklärte sie zu seinem Schatz. Kehrte sich niemals wieder ab, wurde nur ewig stärker, wuchs und gedieh. Mit jedem Atemzug intensiver, reiner, echter, natürlicher, wahrer angefühlt. Angepasst an die jeweilige Stimmung, die Jamal benötigte, dass es knisterte. Suchte er Konflikt, widersprach ich, suchte er Versöhnung, formte ich Argumente, suchte er Wissen, erklärte ich, suchte er Unterhaltung, erzählte ich von meinen Büchern und Sizilien. Italien, den Handelsmetropolen. Fabulierte von Napoli und Milano, Venezia und Rom. Von den hohen Bergen, die wir Dolomiten nannten. Wie man sie ersteigt und noch auf über 2000 Metern grüne Wiesen vorfindet. Ich erzählte ihm von schattigen Wäldern, lichten Höhen, Vogelgezwitscher, vom Rascheln im Laub. Wie im Frühjahr die Knospen so üppig um dich sprießen, wie sie sich der Sonne zuneigen. Sich öffnen und jeden Baum und Strauch in eine Oase verwandeln. Die Begrifflichkeit, die er für Blütenmeer seit Kindesbeinen gut kennt. Denn auch die Wüste gebiert Leben und Farbenpracht, verzückt mit Flora und Fauna, die du dir nur 200 Meter weiter nicht mehr vorstellen kannst. Aber die Flut von Farben, diese Fülle sich vorzustellen, davon bekommt er einfach niemals genug. Es klingt wie Poesie für seine Ohren. – Seine Worte. – Und schon fange ich an, mich in Lyrik und Prosa zu vertiefen. Ihm, Sprachen beizubringen. Sprachen, die ich schon lange nicht mehr hörte, die blumenreiche Worte intonierten, die noch heute meine Ohren verzücken, wenn ich mich der vortragenden Stimmen erinnere … denn auch meine Erinnerung vertieft sich, wird stärker. Schärfer. Nichts verblasst im Tod. Alles wird gültiger, echter, lebendiger, während nebendran das wahre Leben verblasst, verwelkt und, am Ende, seine Blätter verliert. Und nur ein klitzekleiner Teilbereich erlebt eine weitere Blüte im darauffolgenden Frühjahr … mit Jamal werde ich depressiv … das wohl traurigste aller Gefühle, die ich über ihn kennenlerne. Ich kann romantisch sein, ohne, mich schämen zu müssen. Das, betonte er, war der wahre Beweis dafür, dass ich ihn liebe. Solcher wie ich, der romantisch verträumt Bardenstrophen seiner Heimat vorträgt, den unbekannten Inhalt darin nochmals blumenreicher ausgeschmückt erklären kann, ohne, sich dafür schämen zu müssen, das kann man nur mit Liebe beziffern und muss es stetig bewacht und verborgen halten. Das könnte mich jeden Respekt kosten. Nur einem Jüngling gesteht man derartiges Verhalten, nachsichtig, zu. Aber, da muss er wirklich noch sehr jung sein. – Ich weiß noch, wie ich in jenem Moment, völlig ungläubig auf seine Worte reagierte. Wie ich mich erst mal ordentlich schütteln musste, diese rosa Wolken – so hätte es meine teure Mutter betitelt – von mir abzuschütteln, dass ich den Sinngehalt seiner Worte begreifen konnte. Ja. Ich war lull und lall! Wie andere auf Wasserpfeifen reagieren oder auf Wein. Was es bei uns eher nur selten gibt. Wie wohl überall. Aber es gibt. Keine Frage … ich hatte also gelernt, zu lieben. Was mein Vater als gänzlich unmöglich abtat. Aber er ging ja auch noch von einem einzigen Leben für mich aus. Da Mithras sich aber einmischte, erhielt ich nun nachgereicht die Zeit, die ein nüchterner Geist benötigt, solche Duselei für sich zuzulassen … wie mir das Gespräch mit El Bachir eben überdeutlich bewies, lief ich Gefahr, meinen Respekt einzubüßen. Meinen Herrschaftsanspruch. Weil es mich aufweichte, empfindsam machte und erkennbar jämmerlich. Dieses Gefühl der Liebe. Das laut El Bachir auch Stärke definiert. Nun, diesen Wahrheitsgehalt galt es jetzt dringend zu erforschen, zu beweisen, herauszufinden wie.

Jamal tauft ihn Napoli. Weil ich die Region immer besonders herzlich umschrieb. Schon nüchtern, aber fein abgestimmt mit Kulturbeschreibung, Kulinarik, Flora und Fauna. Abgerundet mit Poesie, Legendenwerk und politischem Hintergrund. Wie gefordert … er ist geistig nicht gesund. In meiner Alten Welt wäre er wohl kaum zum Manne ausgereift. Wir gingen mit eingeschränktem Leben nur selten freundlich um. Hier vor Ort, unter den Muselmännern, wird man sich nicht einig, ob sie von Allah Berührte sein könnten? Doch bereits der nächste weigert sich, sein Brot mit solchem Nichtsnutz zu teilen. Es gibt pausenlos Rangelei ihrethalben. El Bachir erzählte mir einst, dass sein Volk sie gerne als Liebchen aufnimmt. Ihr schlichter Verstand wird hier wohlwollend betrachtet. Man lächelt über sie, nicht gehässig! Sondern erfreut sich ihrer Arglosigkeit und Vertrauensseligkeit. Sie sehen keinen Grund, sich zu fürchten, hast du ihr Herz erst einmal für dich gewonnen. Sie bleiben dein Freund, wenn du bleibst, wer du bist … seine Worte lagen mir lange quer, bis ich wusste, warum. Mithras! – Ich tippe oft auf ihn, als Initiator einer neuen Idee … vielleicht war er es auch hier? Mhm? Aber ich weiß sicher, er hält es für gut. Anderes hätte ich gespürt … seitdem sammeln wir sie in unseren Lagern. Wo sie keiner auch nur böse anschauen darf. Sie sind Mithras Kinder. Nicht »eventuell« oder »vielleicht«, sondern »ganz sicher« Berührte des Gottes, durch den ich spreche. Von dem ich gesalbt wurde. Gleiches gilt für Les Arbres d‘Ombrage – meine Schattenbäume. Nicht arabisch, sondern französisch betitelt. Schlicht und ergreifend, weil ich es liebe, zu spielen. Zu sehen, wie sie reagieren? – Zwischenzeitlich von jedwedem artig heruntergeschluckt. Im Anfang rein wie bittere Medizin. Aber immerzu verständiger, besser begreifend, umso länger es währt … es gibt mittlerweile einige gealterte Herren und Damen um uns, die bestätigen können, dass wir, die El-Bachirs und die Schattenbäume, uns in keiner Form mehr verändern, haben wir erst ein bestimmtes Alter erreicht. Wir bestimmen eigens, wie alt wir im Außenblick wirken möchten … dass hier reichlich Nährboden für Neid und Missgunst vorliegt, ist sonnenklar, aber die haarige Abteilung El Bachirs bewirkt ohnehin beständiges Zittern, wo immer sie auftritt und meine Arbres d‘Ombrage überraschen gleichermaßen mit enormer Kraft, Geschwindigkeit, erstaunlicher Beweglichkeit, Geschick und Konzentration, was sie ja unisono aufbieten. Je älter im Tod, desto eindrucksvoller: Unbezwingbar! Unser Schutzwall vor Revolten und Unzufriedenheit.
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