
Jörmungandrs Schatten, Buch Wandelwelten
In Erinnerung einer dunklen Zeit.
Als das Licht wieder anfing, hell zu leuchten.
Auszug aus Jörmungandrs Schatten. (Aldebaran erzählt) Feriz, wie er sich nennt (»der Einzige«), legt Wert darauf, dass ich es erfahre. Über Gedankengang … „Ich sehe kein Wasser in deinem Besitz. Keine Nahrung. Wie kommt es, dass du so entspannt, vollkommen sorglos, auf mich wirkst?“ – Ich spreche es laut aus, dass Shadi meine Stimme hört. Eingreifen kann, spreche ich gar falsche Worte. Aber, er hält sich zurück. Lässt mich tun, was mein Instinkt mir rät. Er fürchtet sich. Vor einem maximal zwölf Jahre alten Kind, weshalb? – „Er hat von meiner Welt gehört. Sie näher kennengelernt. Deshalb bleibt er im Hintergrund … ist nicht so verwegen wie du. Der du glaubst, die Wüste bereits erobert zu haben. Nur weil du Tote, wie dich selbst, finden kannst … wer garantiert dir, dass es alle Toten, die dir begegnen, gut mit dir meinen?“ – „Vielleicht ahne ich darum, was ihr begehrt? Vielleicht ist es genau dasselbe, wonach auch meine Seele strebt?“ – Er lächelt breiter … „Wüsste ich es nicht besser, wollte ich meinen, du gehörtest dem Kult des Mithras an. Hast du von denen schon gehört?“ – (Ich) „Der löwenköpfige Gott? Warum sollte ich ihn verehren?“ – (Feriz) „Weil er hier ebenso wenig hingehört, wie du, aber dennoch da ist. Ich spüre ihn. Fühle, wie er mich beobachtet. Wie er neugierig wartet, was ich als Nächstes tue … er dürfte mein Förderer sein. Der, dem ich es verdanke, noch als Lebender neben meiner Leiche zu sitzen …“ – (Ich) „Du glaubst, Mithras hat dich wiedererweckt?“ – „Wer sonst könnte über die Fähigkeit verfügen, die Pforte zur Hinterwelt für die einen aufzusperren und andere in der Zwischenwelt aufzuhalten? Ihnen vielleicht sogar den Weg zurück in die Vorderwelt zu gestatten? Wie er es augenscheinlich uns beiden und deinem väterlichen Freund offeriert?“ – Mithras. Was weiß ich von ihm? Nicht wirklich viel. Die Römer verehrten ihn bis zur Christianisierung. Ein uralter Kult, 1200 Jahre vor Christi aktiv, zur Römerzeit bekannter geworden, aber schnell wieder vergessen … ein löwenköpfiger Mann, der mit Stieren kämpft. Nicht sonderlich beeindruckend … (Feriz) „Er kämpft nicht mit Stieren. Sie verbeugen sich vor ihm, liegen ihm wie Schoßhunde zu Füßen …“ – „Wie Schoßhunde? Was weißt du um solches Ding?“ – „Du meinst, weil ich im Sand lebe, weiß ich nichts von der großspurigen Kultur Europas? Also, ehrlich Mann! Ich hielt dich für weiser …“ – Nun bin ich es, Aldebaran, der lächelt. Freiheraus breit grinst. Er hat mich erwischt. Ja. Genau das dachte ich. Oh, wie arrogant! Er hat recht! Ich weiß ebenso wenig oder viel, wie er in seiner Gelassenheit, indessen er seinen toten Leib in die Vergänglichkeit begleitet. Selbige neugierig studiert? Sorglos um seinen lebendigen Körper nebendran. Denn er wurde von einem Gott berührt. Wo Götter sich einmischen, verfolgen sie Pläne und sorgen vor, dass sie sich erfüllen können. So, seine Zuversicht. So, als habe er schon auf uns gewartet. Vielmehr auf mich … das muss es sein. Schwarzbären spricht man viel Mystik zu. Auch die Weisheit der Vorsehung … er wäre ein vollkommener Wegbegleiter. Einer, der uns nicht nur die Schätze in Tanger retten könnte, sondern mir zudem mehr aus der Welt der Mythen, Fabeln und Legenden erzählen. Von Göttern, toten, wie lebenden, von Vorder-, Hinter- und Zwischenwelten und darüber, wer sich da so im Einzelnen aufhält? Vom Plan der großen Herren … – Was er von Wandelwelten, Spiegelwelten, mystischen Eisinseln weiß? Ob es Drachen gab? Oder dass das alles nur eine Fata Morgana der Sagenwelt Europas ist. – Ja. Mir fallen auf die Schnelle viele Fragen ein. Auch zu Loki, von dem ich Geflüster hörte und dann verstummte es genauso schnell. Ein Weltenbummler aus Götterkreisen, der Walhalla verfehlte. Jedenfalls soll er noch immer hier irgendwo umtriebig sein. Vielleicht lebt auch er in einer Wandelwelt hinter einem Spiegel? Oder in einer Stadt über den Wolken, wie einst die goldene Stadt Vreemarr? Wenn er der ist, der er sein könnte, hat er die Eiszeit miterlebt. Dann könnte er seine Wolkenstadt gut über den Polen errichtet haben. Um die Menschheit in ihrer Entwicklung nicht zu irritieren. Sie ihre Fehler machen zu lassen, wie alle Kinder sie tun auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Vielleicht wartet er noch immer im stillen Hintergrund darauf, dass wir endlich lernen aufrecht zu stehen? Oder sollen wir auch noch den nächsten Schritt allein gehen? Wie viel Brachialschaden am Erdballen und uns selbst, gesteht er uns noch zu, bis er sich einmischt? – Ja, junger Feriz! Wegbegleiter für dich zu spielen, sollte mir gefallen. Und, falls das Geschichtenerzählen vor dem Schlafengehen, für unseren Fall, seitens des Jüngeren und nicht, wie sonst üblich, umgekehrt erfolgt, wäre es nicht verkehrt. Er scheint mir eine Garantie zu sein, dass sich meine Pläne nochmals leichtfüßiger umsetzen lassen. Mit jemandem an meiner Seite, der die Brüder tatsächlich wirksam beeindrucken könnte. Trotzdem er so jung und augenscheinlich unreif ist … rein optisch, mit etwas Fantasie, könnte man sich ihn durchaus als meinen jüngeren Bruder vorstellen. Was mich wiederum fördern könnte. Ohnegleichen … (Feriz) „Aus meiner Sicht bist du viel eher eine Vaterfigur als anderes. Dein väterlicher Freund, mein passender Großpapa. Somit hast du im Tod zusammen, was dir im Leben mangelte. Du solltest dich freuen … und ja, ich kann auch für euch nach Tanger gehen und bei irgendeinem Juden Geschmeide abholen. Aber zunächst einmal, bringe ich euch in die Berge. Ich denke, ich kenne ebensolche Höhlengänge, wie du sie suchst … lasst mich auf dem Lasttier aufsteigen und ich weise euch den Weg. Du weißt bereits, dass du mir vertrauen kannst. Also tue es, denn du benötigst dringend frische Kleidung und Heilkräuter und eine Generalreinigung … da muss dringend, wer Hand anlegen und Shadi-al-Baasir ist dafür sicher der korrekte Mann …“ – Ich bin minimal irritiert – „Vaterfigur? Bin ich dafür nicht ein klein wenig zu jung?“ – (Feriz) „Mein Vater wäre heutzutage 18, mein Ziehvater ist unlängst 16 geworden, ich selbst bin sechs. Keinen Tag älter. Heute Morgen vor sechs Jahren wurde ich geboren. Deshalb bin ich noch hier. Ich wollte diesen Tag nicht allein verbringen. Besser sich mit einem Toten zu unterhalten, als mit gar keinem …“ – Kurze Denkpause … „Könntest du dir Loki mit einer Löwenkopf-Perücke vorstellen? Droben in seiner feudalen Wolkenstadt über dem nördlichen Eismeer?“ – (Ich) „Konntest du schon immer so leichtfüßig Gedanken anderer lesen?“ – (Feriz) „Wenn sie sich gar nicht abschirmen? Klar. Logisch. Normal tun das solche, wie du. Deshalb finde ich es ja so interessant. In ein Hirn wie deins konnte ich noch nie ungeniert reingreifen …“ – „Können das alle aus deiner Welt?“ – „Wir nannten uns einst Götter. Sind aber nur Gowinnyjen, die von Göttern konzipiert wurden. Da es die aber nicht mehr gar so häufig gibt, habt ihr wohl uns die ägyptischen Gottheiten und den griechischen Götterhügel zu verdanken. Vielleicht auch Platons Atlantis? Wer weiß das schon so genau? – Da du Christ bist und am Ende noch gläubig, sinniere ich besser nicht weiter. Sonst bist du derjenige, der in dieser Runde, wen köpfen oder verbrennen will?“ – Seine Augen frohlocken, während sie mich piken, zwicken und verspotten. Er hat wahrlich auf mich gewartet. Wie er sich freut! Wie ich mich als Bub auf Weihnachten … was wäre geschehen, hätte ich das Christkind tatsächlich gesehen? Keine Scharade, sondern das wahrhaft echte? – Ganz ähnlich empfindet er mich. Auch wenn ich in seine Gedanken nicht gar so leichtfüßig hineinschauen kann, wie er umgekehrt in meine. Er gestattet mir, sie zu erraten. Zu interpretieren. Ich spüre, wie er meinen Pilgerstab in den rechten Winkel rückt, komme ich vom Pfad ab. – Ja. Ich bin sein Pilger auf dem Weg nach Jerusalem! Den er anleitet, keine Ecke auf dem langen Weg zu übersehen, mir viele Fragen zu stellen und die Antworten selbsttätig zu suchen. Vorhänge anzuheben, Barrieren zu durchleuchten, Truhen zu inspizieren. Indessen er mich anleitet, in Shadis Erinnerung spionieren zu gehen, mich Beweise aller Wahrheiten aufspüren lässt, schaukeln wir Richtung Berge hinter ihm her. Er, der Bub, als derzeitiger Anführer der beschlossenen Familienkarawane … und ja! Ich glaube ihm … er kennt tatsächlich diesen Ort, den ich in meinen Träumen dauernd vor mir sehe … seit ich das Schiff der Piraten betrat, träume ich von Nomadenkriegern, mit deren Hilfe ich ein Höhlensystem besiedle. Meine Labors einrichte. Eins mit Schwefelgeruch, andere daneben mit eher gesünderen Ausdünstungen. Nochmals andere mit schwer ätzenden, mit Zugluft versehen, dass keiner krank werden muss. Meine Schmiede für trickreiche Waffen. Allein hier fünf bis sechs Unterkammern, alle auf trickreiche Details spezialisiert. Überall sehe ich meine Zeichnungen an den Wänden aufgehängt. Ich muss wochenlang Pläne gezeichnet, beschriftet und ausgebessert haben … ich erkenne Räume vor mir, wo Legierungen bei hoher Temperatur schmelzen, hernach, in Formen gegossen, auskühlen, um dann weiterbearbeitet zu werden, geschmiedet, geschliffen, angeraut, auf Hochglanz poliert, geschärft, bis sie eine Feder in der Luft spalten … ja. Mein Traum wird wahr! Ich sehe Bettstellen, einen großen Schankraum, uns Wasserpfeife rauchen, genussvoll an langen Schläuchen saugen. Sehe unsere Augen verdreht, erkenne, wie meine Hand anfängt, wie wild zu zeichnen … wunderbar. Ich habe gelernt, mich zu stimulieren, meine Brillanz gezielt zu entfalten. Sie zu aktivieren, wenn sie benötigt wird … ja. Ich spiele Gott …
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