Mondknoten, Buch Wandelwelten
Wo die Erde sich verstanden fühlt.
Die alte Bibliothek noch steht.
Auszug aus Mondknoten. (Utz) „Grübelst du über all diese seltsamen Vorkommnisse hier nach? Die keinem außer uns auffallen? Anscheinend nur von unserer Gruppe überhaupt gesehen werden können … denn über die recht große Tochter des Kochs Monroe Davies im Verhältnis zum Alter seiner Ehefrau zerreißt sich hier ja jeder sein Maul. Also, gedeiht Klatsch und Tratsch hier ebenso fruchtbar, wie andernorts. Nur bemerken sie die tatsächlich seltsamen Dinge nicht … was für mich nur einen Schluss zulässt: Sie sehen es völlig anders als wir. Sehen ein gänzlich anderes Bild vor sich, wenn sie hinschauen. Deshalb reden sie weder darüber noch wundern sie sich … und das könnte dann wiederum der Grund sein, weshalb dieser kleine Kerl, den du so gerne Streitwin nennst, uns so akkurat sorgsam im Auge behält. – Sein Zauberspruch, der wohl bei allen anderen wirkt, klatscht an uns ab. Und das gefährdet seine kleine Welt. Deshalb werden wir von seiner Tochter und den beiden anderen Mädels beaufsichtigt, kaum, dass wir hier ankommen. Diese besondere Sorge, uns könnte irgendetwas fehlen, sorgt wohl umgekehrt dafür, dass sie genau wissen, was wir so im Einzelnen betreiben … ich glaube beinahe, die Mädels können in unsere Gedanken hineinschauen, unsere Erinnerungen auslesen, wenn sie uns nur kurz tief in die Augen schauen? Deshalb sind sie alle drei auf Blickkontakt aus. – »Schau mir in die Augen, Kleines« — umgekehrt. Genauso wirksam … wie dein Lächeln mir zeigt, bist du genauso ein Bogart-Fan, wie ich oder ist es bei dir doch mehr die Ingrid? »Spiel‘s noch einmal, Sam« … ja, Casablanca, das waren noch Filme … bis heute kennt man die Sprüche. Und sie wirken nicht kitschig. Sondern romantisch, verträumt, was man auch als Mann mal sein darf … hast du bemerkt, wie die Mädels bei jeder Visite versuchen jeden einzelnen von uns direkt anzusehen? Sie stellen sicher, dass keiner sie austrickst … wenn wir ihrem Zauber nicht erliegen, könnten wir ja noch weitere Tricks draufhaben? Somit wohl reines Vorsorgeprogramm? Garniert mit gutem Essen, auch spät in der Nacht und starkem schwarzen französischen Kaffee am Morgen und Earl Grey für den Engländer, Milchkaffee für die Schluchtenscheißer, wie ihr uns so gerne nennt … nur so meine Gedanken. Ich weiß nicht, was du dazu denkst. Aber ich würde es wahnsinnig gerne erfahren. Ich habe ein ganz mieses Gefühl im Magen. Dass irgendetwas Übles passieren könnte? Und die Gefahr geht nicht von diesem Tal aus … also könnte es unser Auftrag selbst sein, der, am Ende, diese ganzen friedlichen Menschen hier bedroht? Die vielen Frauen und Kinder alleine schon …“ – Damit trifft er bei Axel|Alexander mitten ins Schwarze. Und weiter geht’s… „Der Foxy war das gestern Abend im Wald? Wildes Rumgeknutsche … wo man als Erwachsener sich fragt, ob man das so zulassen darf? Also, wenn das mein Junge wäre, den einer in dem Alter — der Jamy McCaffern ist mindestens dreißig — so anfassen würde? Was ich dem die Leviten lesen wollte? — Aber dann ist es eben dummerweise der McCaffern. Ich sehe, dass du am gleichen Knochen nagst. Einer, der ohnehin schon viel zu viel Übles miterlebt hat. Seine Hände? Nur noch aus jeweils drei Fingern bestehend, seine Füße in diesen Spezialschuhen, die sichtbar keine Zehen mehr dran haben. Der Schnitt am Hals? Ihm wurden die Stimmbänder durchtrennt … wenn man will, dass einer nicht mehr schreit, schneidet man ihm da nicht die Zunge raus? Was wohl heißen will, dass er ein Sexualgewaltopfer von Perversen war … Himmel. Dem will ich persönlich keine Schwierigkeiten bereiten müssen. Aber der Foxy ist dafür trotzdem zu jung. — Ein biologisch vollständiger Mann ist McCaffern, so gesehen, auch nicht mehr … wenigstens haben sie ihm sein Geschlecht entfernt? — Er trägt Frauenhosen. Da vorn gibt es bei ihm nicht mal mehr eine winzige Beule … trotzdem redet keiner über ihn, schaut ihn auch nur besonders an? Schaut umgekehrt so hin, wie zu allen anderen, die auch fest ins Tal gehören und als familienzugehörig angesehen werden. Solche, die man automatisch unter »okay« verbucht … dann zerreißen sie sich aber über den Koch ihr Maul, weil die Mutter für den Nachwuchs etwas zu jung für den Job ist? Aber der Phönix darf offen Händchenhalten mit einem gut Dreißigjährigen? Auch wenn sie die körperlichen Schäden vielleicht nicht sehen können, so doch sein Alter? Oder sehen sie in dem Fall auch das nicht? Wie stellt man es an, dass solche Details für den Blick der Leute unsichtbar bleiben? Kannst du mir das bitte mal erklären? — Und dann gerade da unten: Die Mädels da überall, ich zähle auf die Schnelle sieben, nein acht? — Und hast du bemerkt, wie sie genau in dem Moment, wo ich diskret in ihre Richtung schaue, zu uns hochsehen? Die wissen genau, was wir reden und denken. Auch auf diese Entfernung … siehst du die Hunde? Schwarzbären auf Patrouillengang? Als, wenn Hunde alleine so durch die Gegend laufen würden! — Die folgen ihrem Herrn. Könnte eine Frau, wie ein Mann sein? Ersie muss unmittelbar neben ihnen hergehen? Sonst würden die nicht so laufen. — Neufundländer? Himmel, das sind trotz allem noch immer Hunde und verhalten sich normal auch sowie die … aber nein, gilt nicht für diese hier. Diese hier, die haben unsichtbare Herrchen, die mit ihnen abends auf Patrouille ziehen … und die unschuldig überall rumstehenden Mädels werden aber auch von keinem der vielen angetrunkenen Herrn aus dem Lokal auf Heimgang angebaggert? Was bei der umwerfenden Grazie einer jeden von ihnen normal immer der Fall ist. Egal auf welchem Kontinent du da nachschaust. Egal in welchem Land, in welcher Stadt, welchem Dorf. Schönheiten, wie die da unten, werden niemals übersehen. Ganz im Gegenteil. Männeraugen bleiben an denen kleben, wie Fliegen an Klebefallen, die von der Decke baumeln und Motten zum Licht fliegen … das sind Grundgesetze der Natur. Die schon immer gültig waren. Aber hier? – Nichts, Gar nichts. Man grüßt freundlich, höflich, sonst nichts. Schaut nicht mal dem schicken Arsch hinterher, bewegt er sich weiter. Übersieht komplett den Traumbusen. – Also, wenn Männer denn schüchtern sind, oder diskreter, weil schon vergeben, die glotzen bei sowas immer dezent hinterher? Ist ja auch ein Anblick, der dir in dieser Form nicht überall begegnet? Und hier gibt’s diese Traumfrauen wie Fließbandware? Und keiner kriegt’s mit! Kannst du mir sicher auch nicht erklären, oder?“
©Xena Falkenbourg xfw fürth. Alle Rechte vorbehalten.

