
Schlangenhaut Buch Wandelwelten
Ein neuer Stern erstrahlt am Firmament.
Erzählt von Hoffnung und Zuversicht.
Auszug aus Schlangenhaut. Warte und Ari fühlen sich beide vom Alten Wald wie magisch angezogen. Von der ersten Sekunde an. Sie spüren, wie er nach ihnen ruft und greift, sehen sich bemüßigt, an einer ganz bestimmten Stelle hochzuklettern und rüberzuschauen. Ein ums andere Mal und immerzu sind sie in solchen Momenten ganz alleine. Nur Tiere um sie herum, kein einziger anderer Zweibeiner, kein anderes Erdenkind, als die sich sämtliche menschenähnliche Wesen unterdessen betiteln. Einfach um verständlich zu machen, wen man damit alles meint. Tiere werden konsequent ausgeklammert, erfahren ein eigenes Zählsystem. Pflanzen wiederum noch ein anderes … ja. Irgendwer sorgt dafür, dass sie keiner beobachtet. Nicht mal sie sich selbst gegenseitig. Als sie beide eines Morgens drüber steigen und leise durch den Wald schleichen, der doch so gefährlich ist und vor dem sie so ausdrücklich gewarnt wurden, stehen sie sich plötzlich einander gegenüber. Aug in Aug … (Ari) „Lord Warte, was um Himmels Willen, tut denn ihr hier?“ – (Warte) „Lord? Warum nennst du mich so?“ – Er klingt verblüfft. Nichts anderes als das. Derweil sitzt ein zutraulich wirkendes Eichhörnchen auf seiner Schulter und erinnert Ari ungemein an Lokis Anblick beim Turnier. Deswegen guckt er wohl nicht minder erstaunt drein und auch nicht verängstigt oder sich ertappt sehend, wie von der anderen Seite erwartet. Nein! Sie beide erfüllen gerade überhaupt nicht die Erwartungen ihres Gegenübers, aber wohl die des Waldes. Denn der schwarze Panther, der sie beide wohl schon länger beobachtet, kommt nun langsam näher. Wirkt aber nicht bedrohlich, außer vielleicht aufgrund seiner Größe. Benimmt sich viel mehr wie eine neugierige Katze, die dich beschnuppern will, um herauszufinden, ob du gegebenenfalls bereit wärst, ihr ein kleines Futterschälchen zu kredenzen. So etwas kennt man ja, als Weitgereister. Egal jetzt, woher genau du stammst. Dieser Panther möchte ihr Haustier sein. Wenn auch etwas groß geraten und funkelnde grüne Augen dazu, so ist doch Körperhaltung, die Art seine Tatzen sorgsam geschmeidig zu bewegen, ganz darauf ausgerichtet, sich ein neues Bettchen zu erobern, eine neue Streichelhand. Nun ja und als er sie schließlich erreicht, tun sie nichts anderes. Schauen einander zwar etwas bedröppelt und nochmals mehr verdutzt an, aber streicheln artig den freundlich verschmusten Riesenkater … (Warte) „Ist eine sie, kein er. Aber ansonsten stimme ich deinen Gedanken zu … hier stimmt irgendwas nicht. Und für ein übliches Haustier lebt sie auch auf der falschen Seite des Zauns …“ – (Ari) „Vielleicht will sie genauso mit rüber genommen werden wie der freundliche Knabberzahn auf deiner Schulter?“ – „Knabberzahn? Wie schnell dir ein Name für sie einfällt! Ich grüble schon so lange drüber nach, wie sie sich da hingesetzt hat … Fantasie ist wirklich nicht meins. Lamy hat recht, wenn er das behauptet. Aber wenigstens doch habe ich für Bagheera einen passenden Namen parat. Ich habe nämlich das Dschungelbuch gelesen – die Schlange Kaa ist übrigens auch hier unterwegs. Ist mir vorhin über die Schultern gekrochen, noch über Knabberzahn hinweg. Was die wiederum in keiner Form störte. Hielt sich einfach nur ungeniert an meinen Haaren fest …“ – „Na dann haben wir ja noch ein, zwei Namen übrig, falls sich noch ein weiteres einheimisches Tier dir anschließen will, das nicht in der Geschichte vorkommt …“ – Ari empfindet es als witzig. Ja, vielleicht ist das der beste Weg, mit solchen Vorkommnissen umzugehen. Sich zu amüsieren. Panik bekommen, die nächstmögliche Fassung, käme hier in dieser seltsam votierten Tierwelt sicher nicht ganz so geschmeidig rüber … (Warte) „Mowgli meinst du? Baloo? Flunkey? Hathi? Akela? Ziggy? Flaps? Gloomy? Buzzy? Rama? … du hast recht. Das bietet Potenzial ohne Ende und ich steh’ mal einmal nicht ganz so fantasielos da. Wie cool. Lamy wird schon die Idee dahinter klasse finden …“ – (Ari) „Du machst dir viele Gedanken darum, was er denken wird …“ – (Warte) „Das tut man, ist man verliebt. Denke ich doch zumindest …“ – (Ari) „Du hast ganz schön viele Lebenspartner um dich versammelt, um dich ausgerechnet nach dem einen darunter zu sehnen, der nicht anwesend ist …“ – Ari grinst, aber der Prinz versteht gut, was er sagen will … „Er ist der, der mir klarmachte, dass ich nicht alleine bleiben muss. Dass ich verstanden werden kann. Dass meine Körpergröße kein wirkliches Problem darstellt, meine Fantasielosigkeit keine Rolle spielt, dass meine seltsamen Augen, die man kaum in klare Worte fassen kann, absolut keine Probleme bereiten müssen. Dass man sich vielmehr aus dem Farbenmeer darin seine Lieblingsfarbe rauspicken kann, sucht man den passenden Eintrag für seine Papiere … du kannst dir gar nicht vorstellen, wie verängstigt ich durchs Leben zog, bevor ich ihn kennenlernte. Ich glaube, er hat mir überhaupt erst beigebracht, wie man lacht. Also wie sich das von innen heraus anfühlt, wenn man es tut. Die Farce davon, die kannte ich bereits. Praktisch von jederlei Gefühl. Egal, welches. Nur die düsteren Schattenseiten waren mir bekannt, bewusst und ich fürchtete mich vor den Anderen, genauso schlimm wie sie sich umgekehrt vor meiner Größe, meinen Muskeln, meinen Augen fürchteten …“ – Ein kurzes konzentriertes Herunterschlucken von erkennbaren Tränen … „Sie versuchten, mich zu töten. Ich kann dir nicht sagen, wie oft schon. Aber irgendwie gelang es niemals irgendwem … aber immer nach solch einem misslungenen Versuch musste ich dort weg. Weiterziehen, wo ich gerade erst anfing, mich einigermaßen wohlzufühlen, mich einzuleben. Einzugewöhnen. Das kühlte die Gemüter, die Stimmung gesamt mir gegenüber nochmals mehr runter. Brachte sie ganz über den Gefrierpunkt hinweg, selbst im heißesten Sommer … weißt du, eigentlich weiß ich gar nicht, wie sich Frieren anfühlt. Ich liebe es, im Eisbach zu sitzen. Fühle mich dort pudelwohl. Aber der Geschmack von Angst wird doch häufig mit Frieren gleichgesetzt? – Ich frage mich immerzu, warum? Warum wird etwas, das sich für mich so grässlich rau, glatt und hart anfühlt, irgendwie klamm und genauso grau, vollkommen farblos, erbarmungslos still und gleichzeitig auch wieder ohrenbetäubend laut, mit so etwas Wunderschönem wie Eisbaden gleichgesetzt? — Warum sind meine Assoziationen so grundsätzlich verschieden, so anders als bei anderen? — Selbst Lamy kann manche meiner Gefühle nicht nachempfinden. Auch wenn er wirklich überzeugend versucht, mir das vorzugaukeln … auch du kannst es nicht! Aber du verstehst, was ich meine? Ich kann es in deinen Augen sehen … du weißt, wovon ich spreche! Deshalb bist du hier! Bei Bagheera und Knabberzahn und mir. Hier und jetzt, in diesem Augenblick. Wo wir nicht hier sein sollten. In diesem mystischen, so gefährlichen Wald … du verstehst es, kennst es, wenn dir Dinge offenbar werden, die andere nicht sehen, wenn du Dinge fühlst, die andere nicht erfassen können, wenn du spürst, wie etwas dich besucht und dann wieder weiterzieht, zufrieden mit dem, was es vorfand oder vielleicht auch nicht? Kam alles schon mal vor … was siehst du gerade? Sag es mir bitte.“
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