
Schröderberg (Teil1), Buch Wandelwelten
Auf der Suche nach dem nächsten Abzweig.
Denn der Weg ist schmal.
Auszug aus Schröderberg. (Tobs) „Wie ging es bei euch zu? Oben in Köln?“ – Römer stöhnt… „Schlimm! So richtig. Dagegen leben wir hier unten noch überall im Paradiesgarten. Auch außerhalb des Parks … so schlimm, dass du lernen musstest wegzusehen. Nur um es ertragen zu können! Dass du zurückkommen musst … am nächsten Tag, an gleicher Stelle, weitermachen, obwohl doch alles zusammen so sinnlos, so nutzlos scheint. Vielleicht bin ich deshalb immer noch halb blind und taub? Obwohl ich daran arbeite, es nicht mehr zu sein. Ich spüre, du wirfst mir vor, dass ich Toljas nicht warnte? Und auch kein anderer? – Aber weißt du, dieser verrückte Kerl – also Solta – hat so wunderbare Seiten an sich, dass man in seinem Umfeld schnell bereit wird, anderes übersehen zu können … ich habe ihn aus Leichenhaufen Kinder herausziehen sehen! Die noch gänzlich von Blut verklebt – nur fünf Minuten später – auf seinem Schoß sitzend, Backe-Backe-Kuchen spielten und dabei munter lachten, obwohl sie noch kurz davor kaum atmen konnten. Vor lauter Panik und Schrecken. Wenn du an einem Ort lebst, wo Paramilitärs, Soldaten, Ordnungshüter, arglose, unbeteiligte Bürger, Schulkinder, alte Menschen tagtäglich in katastrophale Schlachten verwickelt werden und am Ende nicht einmal mehr, jemand vorbeikommt, die Leichen wegzuräumen oder die verstreut herumliegenden Waffen einzusammeln? – Nun, spätestens am nächsten Morgen wandern selbige in den Untergrund oder wenigstens doch auf den Schwarzmarkt. Und drei Tage später schießt ein harmloser, wutentbrannter Bürger einem harmlosen Polizisten mitten ins Gesicht! Mit ebendieser Waffe, die wer herumliegen ließ. Und weißt du, warum er es tut? Weil sein Bruder, sein Cousin, sein Vater oder auch nur ein Nachbarskind von einem anderen Polizisten genauso brutal abgeknallt wurde. – Ob wenigstens der erste Schuss mit Grund erfolgte oder nicht, will gar keiner mehr wissen. Denn am nächsten Tag antwortet schon wieder ein anderer auf die Botschaft dieses Tages und so geht es weiter … Tag für Tag, Woche für Woche, bis alle tot sind um dich herum. So fühlt es sich an. Jeden Abend fragst du dich erneut: Warum lebe ich? Warum kann ich noch immer atmen und gehen? Warum wurde ich auch am heutigen Tag verschont, wo andere, genauso Unbeteiligte, hineingezogen und erschossen wurden? Oder brutalst totgeschlagen? Zertrampelt? Zerquetscht? Aufgeschlitzt und verbluten, gelassen? – Es spielt keine Rolle, ist vollkommen unerheblich. Alles, was zählt ist, dass es morgen genauso weitergeht. Du fragst dich, warum ich Solta meinen Freund nenne? Obwohl ich darum ahne, was er Schlimmes getan hat? Gänzlich ohne Verantwortungsbewusstsein, ohne schlechtes Gewissen, ohne Scham und Reue? Rein spielerisch, weil ihm gerade so danach war … einen Schwachpunkt in Percys Abwehr zu finden? Ja, genau das riecht nach ihm. Solta. Meinem unverbesserlichen Freund. Bei dem ich immer versuche, das Unschöne nicht sehen zu müssen … denn das Leuchtfeuer, das er verbreiten kann, hat mich sooft von innen nach außen aufgewärmt, mir sooft Mut gespendet, wo ich dachte, längst keinen mehr aufbringen zu können. Solta konnte es. Und ich hernach wieder weitergehen und am anderen Tag erneut aufstehen und weiterkämpfen … ich bin nur seinethalben hier. Genauso Percy. Wenn Solta nicht auf uns aufmerksam gemacht hätte, würden wir immer noch in Köln darauf hoffen, den Tag zu überstehen … und hier dreht sich unser Leben plötzlich um Liebe und Beziehung? Um Vertrauen und hehre Ziele? – Darum, dass es eine Chance für alle auf ein echtes Morgen gibt? Also ein Morgen, das man auch überleben kann. Für das es sich lohnt aufzustehen und erneut Schaufel und Besen zur Hand zu nehmen und aufzuräumen. Ahnst du eigentlich, was das hier für ein Paradiesgarten Eden ist?“ – Ja. Das ist die Antwort … darum hat keiner was gesagt. Deshalb möchte Stefan, dass Solta im Park lebt. Überredet Toljas, es durchzustehen … den unverbesserlichen Chaoten zu beaufsichtigen. Und letztlich trifft der Park damit eine gute Wahl. Denn es gibt auch an diesem verzauberten Ort nicht wirklich viele Jungs, die dieser Aufgabe gewachsen sind … (Tobs) „Jeden Tag? Gab es solche Schlachten?“ – Römer stöhnt hörbar … „Nein! So schlimm war es doch wieder nicht! Aber es gab jeden Tag neue Tote auf den Straßen. Wo die an manchen Tagen auch nur über brutale Überfälle und allgemeine Streitigkeiten passierten. Das Schicksalhafte des Lebens, eben? Wo keiner was für kann? – Inklusive resultierender Brände, Polizeieinsätzen und Verkehrsunfällen. Jeden Tag starb jemand aus deinem direkten Umfeld …“
©Xena Falkenbourg xfw fürth. Alle Rechte vorbehalten.
